Kunststoffe in der Burg - Das Museum für Stadt- und Industriegeschichte Troisdorf (MUSIT)

Vortrag von Dr. Pauline Liesen, Direktorin des MUSIT, im Forum Kunststoffgeschichte vom 22.-24. Oktober 2014 in der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin-Adlershof, veranstaltet von der deutschen Gesellschaft für Kunststoffgeschichte und der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft, wird demnächst in der elektronischen Zeitschrift e-plastory veröffentlicht

Burg Wissem ist heute bereits das inoffizielle Wahrzeichen der Stadt Troisdorf. Die Gebäudeanlage umschließt Bauteile aus verschiedenen Jahrhunderten und ist eingebettet in einen herrschaftlichen Park. Im früheren Herrenhaus der ehemaligen Wasserburg befindet sich seit Anfang der 1980er Jahre das Bilderbuchmuseum. Es ist Europas einzigartiges Spezialmuseum für künstlerische Bilderbuchillustration, historische und moderne Bilderbücher sowie Künstlerbücher. Die angrenzende Remise stammt aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. In ihren Räumlichkeiten finden Kammerkonzerte, Lesungen, Ausstellung und andere kulturelle Veranstaltungen statt. In den oberen Etagen ist zum einen der Förderverein des Bilderbuchmuseums, zum anderen die „Heinz Müller Stiftung. Fotosammlung Troisdorf“ untergebracht. Die Fotosammlung dokumentiert die gesellschaftlichen und besonders baulichen Veränderungen des gesamten Troisdorfer Stadtgebietes seit ca. 1950. Im Rahmen der Regionale 2010 ist es darüber hinaus gelungen, auf den Fundamenten eines Vorgängerbaus aus den 1960er Jahren einen modernen Neubau mit Reminiszenzen an eine mittelalterliche Burganlage zu errichten. Dieser fasst den Burghof im Westen ein. In diesen Westflügel zogen im Frühjahr 2012 die Tourist-Information der Stadt Troisdorf, das Info-Zentrum zum Naturschutzgebiet Portal Wahner Heide, der außerschulische Lernort KennenLernenUmwelt, der gemeinnützige Verein der Kreativwerkstatt, das Trauzimmer und schließlich das Museum für Stadt- und Industriegeschichte Troisdorf ein.

Dieses letztgenannte Museum erstreckt sich über die zwei frontal zum Burghof gelegenen Etagen des Neubaus. Inhalt dieses Museums ist es, exemplarisch am Beispiel der Gemeinde Troisdorf das Zusammenwirken und den Zusammenhang von industrieller Entwicklung, der Geschichte einzelner Wirtschaftsunternehmen und herausragender Unternehmerpersönlichkeiten darzustellen. Dies geschieht unter besonderer Berücksichtigung der sozialen, architektonischen und infrastrukturellen Entwicklung einer Industriestadt. Einzigartig ist dabei die umfassende Darstellung der Entwicklung der Kunststoffindustrie, die 1905 in Troisdorf ihre Geburtsstunde erlebte. Zahlreiche Neuentwicklungen gingen von hier aus in alle Welt. Aufgrund der vorhandenen umfangreichen Sammlung lässt sich die Entwicklung dieses Industriezweiges von den Anfängen bis heute nachvollziehen. Die Besucher erleben dabei, welche neuen Möglichkeiten der Werkstoff „Kunststoff“ im Laufe der Geschichte eröffnete und wie sehr er den heutigen Alltag bestimmt.

Dass das Museum für Stadt- und Industriegeschichte Troisdorf über diesen Kunststoff-Fundus verfügt, verdankt es vor allem dem Troisdorfer Kunststoff-Museum, das in Form eines Werksmuseums 1999 erstmalig mit einer Ausstellung überzeugte. Zustande gekommen war diese Kunststoff-Museumssammlung durch Privatinitiative. Während seiner Berufstätigkeit bei Dynamit Nobel war es  der Diplom-Chemiker Herbert Laubenberger, der Produktbeispiele sammelte, um Entwicklungsreihen zu dokumentieren und die Produktvielfalt der erfundenen Troisdorfer Werkstoffe festzuhalten. Im Laufe der Zeit kamen weitere Exponate und Schriften ehemaliger Kollegen dazu. Und gesammelt wird bis heute, Stück für Stück. 

Nur durch dieses persönliche Engagement einzelner Personen und eines späteren Fördervereins können heute die Fertigungen der ehemaligen Rheinisch-Westfälischen Sprengstoffwerke (RWS), der späteren Dynamit Aktiengesellschaft (DAG), der Dynamit Nobel AG, dann Hüls Troisdorf AG, dann HT Troplast AG und den noch vorhandenen Kunststoff-Unternehmen wie der profine GmbH, der Trocellen GmbH, der SIKA Deutschland GmbH, der Trosifol GmbH, der DYNOS GmbH, der Gerflor-Mipolam GmbH oder der Röchling Engineering Plastics KG nachvollzogen werden. Aus seiner umfangreichen, einmaligen Sammlung stellte das Troisdorfer Kunststoff-Museum wichtige Exponate dem Museum für Stadt- und Industriegeschichte Troisdorf zur Verfügung. Dass dies so umgesetzt werden konnte verdanken wir mehreren Förderern – in erster Linie Herrn Dr. Volker Hofmann, Herrn Wolfgang Pohl, Herrn Rainer Hardtke und Herrn Thomas Korp.

Wie zuvor bereits erwähnt werden die Kunststoffexponate im heutigen Stadt- und Industriemuseum Troisdorf in die Geschichte der Industriestadt Troisdorf eingebunden. Damit reden wir hier nicht von einem ausschließlichen Kunststoffmuseum, sondern von einem Museum, das das Unternehmen „Kunststoff“ in die Zusammenhänge einer Stadtentwicklung stellt. Es geht innerhalb des Museums also nicht um die Präsentation außergewöhnlicher, eventuell seltener Kunststoff-Exponate. Vielmehr ist die reale Wiedergabe der Geschichte eines für Troisdorf äußerst wichtigen Wirtschaftsunternehmens thematisiert, das über Jahrzehnte hinweg im besonderen Maße den Standort Troisdorf maßgeblich beeinflusst hat.  

Das Museum für Stadt- und Industriegeschichte ist chronologisch gegliedert und beginnt mit dem Leben um 1800. Zu diesem Zeitpunkt lebten die meisten Menschen als Handwerker, Bauern oder Tagelöhner. Oft reichte die Ernte gerade, um die Münder der zahlreichen Familienmitglieder zu stopfen. Die Behausungen waren bescheiden, Hygiene nach unseren Maßstäben eher ein Fremdwort, und der übliche Eintopf wurde meistens aus einer gemeinsamen Schale gelöffelt. Einige Tagelöhner fanden Anstellung in der Alaunhütte in Spich oder halfen bei der Fertigung von Glocken bei Glockengießerei Claren in Sieglar.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts änderten sich langsam die Verhältnisse. Johann Wilhelm Windgassen hatte 1825 die Genehmigung zum Bau einer Eisenhütte an der Sieg erhalten, wobei er bis zu deren Inbetriebnahme erhebliche Anlaufschwierigkeiten überwinden musste. Erst nachdem Johann Jakob Langen die Hütte übernommen hatte, begann sie unter seinem Sohn Emil zumindest zeitweise zu florieren und bot mehr und mehr Menschen dauerhafte Arbeitsplätze. 

Emil Langen sorgte schließlich auch dafür, dass Troisdorf einen Eisenbahnanschluss bekam, was sich bezahlt machen sollte. Die 1885 gegründete Rheinisch-Westfälische-Sprengstoff-AG entschied sich nicht zuletzt deswegen, in Troisdorf eine Zündhütchenfabrik zu bauen.  

Bei Beginn seiner Tätigkeit als Generaldirektor der Rheinisch-Westfälischen-Sprengstoff AG (RWS) in Troisdorf war es tatsächlich das Bestreben Emil Müllers, den Bergwerken eine Sprengkapsel zu liefern, die die Arbeit am und im Berg und im Tiefbau erleichterte. Mit der Nitrierung der Cellulose durch Wasser, Salpeter- und Schwefelsäure gab es eine neue Basis für die Herstellung von Sprengstoff: die sogenannte Schießbaumwolle oder Nitrocellulose. Für ihre Produktion ließ Emil Müller 1890 eine Anlage in Troisdorf bauen, ohne daran zu denken, dieses Grundprodukt auch noch für anderes, nämlich für die Herstellung von Kunststoffen, zu verwenden. Dabei hatte 1856 Alexander Parkes in Großbritannien bereits auf der Basis von Nitrocellulose das Celluloid erfunden, welches John Wesley Hyatt 1870 in Amerika industriell fertigte. Bei seiner Erstproduktion war es  Hyatt vor allem wichtig, einen Ersatzstoff für Billardkugeln zu verwenden, die bis zu diesem Zeitpunkt noch aus Elfenbein hergestellt wurden.

Nitrocellulose wurde in Troisdorf in Nitriertöpfen nitriert. Das Rohprodukt wurde zentrifugiert und von anhaftender Säure befreit. Eine anschließende Druckkochung diente der Herstellung niedriger Kettenlängen der Cellulosestruktur zur Verbesserung seiner weiteren thermoplastischen Verarbeitung.

Um die Sprödigkeit der Nitrocellulose zu mindern, wurden natürliches Kampher („Japan-Kampher“) oder Phthalsäureester als Weichmacher (20 bis 35 %) und auch Färbe- und Glanzmittel zugesetzt. In Knetern wurden die Einsatzstoffe vermischt, in Walzstühlen aus den Knetgranulaten Rohfelle erzeugt. Diese wiederum wurden in etwa 2 m hohen Kochpressen unter Druck und Wärme zu Blöcken (70 cm x 160 cm, Gewicht: etwa 150 kg) „verkocht“ („Koch-Press-Verfahren“). Die Blöcke wurden schließlich in Platten oder Folien geschnitten und nach einer weiteren längeren Trocknungsphase mattiert und poliert.

Aus den Celluloid-Platten wurden in weiterverarbeitenden Werkstätten für die Kunden Kämme, Messergriffe und Brillengestelle hergestellt. In der Musikindustrie dienten die Platten der dekorativen Verzierung von Musikinstrumenten. Aus fleischfarben eingefärbten Rohen mit 5 cm Durchmesser und 20 cm Länge, den sogenannten „Puppenrohlingen“, wurden bei den Puppenherstellern (wie beispielsweise auch bei der Firma Schildkröt) im Druck-Press-Verfahren dreidimensionale Puppenkörper geformt. Eine andere weitverbreitete Anwendung waren optische Filme für die Fotografie wie auch Lackrohstoffe. Heute noch werden Tischtennisbälle aus Celluloid gefertigt.

Leider war das bei 80° C thermoplastisch verformbare Celluloid leicht entzündlich. Dies änderte sich mit dem Cellon, das 1909 von Arthur Eichengrün im Troisdorfer Laboratorium entwickelt worden war. Für die Herstellung von Cellon wurden die Baumwollrohprodukte mittels Acetanhydrid acetyliert. Danach wurde die Acetylcellulose mit Weichmachern und Färbemitteln vermischt und – ähnlich wie beim Celluloid – in einem Koch-Press-Verfahren zu geschnittenen Platten verarbeitet. Im Anschluss erfolgte wiederum eine Oberflächenbehandlung. Im Gegensatz zum Celluloid war das Cellon schwer entflammbar, jedoch als Substitutionsprodukt für ähnliche Anwendungen sehr willkommen. 

Die Hinwendung Emil Müllers zum Celluloid über den sowieso vorhandenen Ausgangsstoff der Cellulose war ein Weg, neben der Sprengstoff verarbeitenden Industrie eine neue Produktion aufzubauen. Er selbst stellte sein Unternehmen auf eine zweite Säule und erschloss einen neuen Markt, der schon in Amerika viel versprechend begonnen hatte. Auf sein Betreiben wurde am 4. März 1905 die Celluloidfabrik in Troisdorf in Betrieb genommen. Halbprodukte, die hergestellt wurden, waren Platten, Stäbe und Rohre aus Rohcelluloid, die dann an Weiterverarbeitungsbetriebe verkauft wurden. Diese Firmen verarbeiteten die Halbprodukte zu den bereits benannten Spielwaren, Kämmen, Brillengestellen etc. In den darauffolgenden Jahren wurde der Troisdorfer Celluloid-Rohstoffbetrieb weiter ausgebaut. Er war bald der größte und am besten eingerichtete Celluloidbetrieb in Europa. Der Kunststoff Cellon war schließlich das erste, von der Rheinisch-Westfälischen-Sprengstoff AG in eigenen Labors getestete und 1911 auf den Markt gebrachte Halbprodukt.

Mit den beiden Kunststoffproduktionen belieferte die RWS einen in der Umstellung begriffenen Markt, der sich erst nach und nach auf die Kunststoffanwendung und - versorgung umstellte. Dabei gab es noch weitere Kunststoffprodukte, die von anderen Firmen in Konkurrenz zu Celluloid und Cellon traten, z.B. Synthetischer Kautschuk, Vulkanfiber, Bakelite und Kunstharze.

Sicherlich hätte sich die Troisdorfer Kunststoffabteilung ebenfalls alsbald mit diesen oder anderen Produkten auseinandergesetzt und / oder weiterentwickelt, wenn nicht am 1. August 1914 ein ganz anderes Ereignis in den Vordergrund getreten wäre: der 1. Weltkrieg. Mit seinem Beginn musste die Celluloidfabrikation in Troisdorf ganz aufgegeben werden. Stattdessen standen die Rüstungsproduktion und damit die Herstellung von Schießbaumwolle wieder ganz im Vordergrund des Geschehens – und dies für mehrere Jahre. 

Erst mit Ende des Krieges, dem Inkrafttreten des Versailler Vertrags und der Demontage der Produktionsanlagen, die für den Krieg förderlich gewesen waren, erfolgte der erneute Wandel – weg von der Rüstungsindustrie, hin zur Kunststoffproduktion. Am 20.1.1919 wurde die Troisdorfer Pulverfabrik vollständig abgerissen. In dieser Krise besann sich Dr. Paul Müller,  Sohn des früheren Generaldirektors der RWS Emil Müller, schnell auf die 1914 stillgelegte Celluloid- und Cellonproduktion. 1920 bereits konnte die Arbeit wieder aufgenommen werden. 

In dieser Kunststoff verarbeitenden Industrie fanden viele ehemalige Soldaten und Arbeitslose wieder einen Arbeitsplatz. Tatsächlich wandelte sich die RWS zum Motor der Aufwärtsentwicklung der ganzen Region. Um sich jedoch zukünftig für schwierige Zeiten zu wappnen, ging die RWS 1926 eine Interessensgemeinschaft mit der IG Farbenindustrie AG ein. Gleichzeitig knüpfte sie auch Verbindungen zur Dynamit-Actien-Gesellschaft, vormals Alfred Nobel & Co. Fünf Jahre später fusionierten beide Unternehmen und bildeten die sogenannte DAG. Ab 1932 arbeitete die Hauptverwaltung in Troisdorf, 1938 wurde der Firmensitz hierhin verlegt.

Die in der Nachkriegszeit forcierte Umstellung auf die Celluloid- und Cellonproduktion in Troisdorf trieb Dr. Gustav Leysieffer weiter voran. Er hatte in München und Berlin Chemie studiert und übernahm anfänglich die Assistenz des Leiters des Nitrocellulosebetriebs. Als Kenner und Forscher der Cellulose-Produktion entwickelte er unter dem Namen Trolit 1921 das weltweit bekannte und eingeführte Grundprodukt künftiger Kunststofferzeugung. Dabei wurden für die Produktion drei Arten des Rohstoffs hergestellt, das Trolit F, das Trolit W und später das Trolit B. Das Trolit F war eine Fortentwicklung des Cellon als Strangpressmasse, Trolit W eine Spritzgussmasse auf Basis von Celluloid. Für die Herstellung selbst waren besonders konstruierte Pressen und Spritzgussmaschinen nötig, die unter fachlicher Anleitung von Dr. Leysieffer von der Firma Eckhardt & Ziegler in Köln konstruiert wurden. Die Trolit-Halbprodukte wurden zur Telefon- und Radioherstellung, z.B. für Hörmuscheln, Gehäuse, Skalenscheiben, sowie für Knöpfe, Rasiermesserschalen, Kämme, Haarschmuck, Lampenschalen, Kästen und andere Artikel verkauft. Neben der Erzeugung von Ausgangsstoffen wünschte Dr. Leysieffer auch eine Angliederung von Weiterbearbeitungsbetrieben, die es ermöglichten, Herstellungs- und Endarbeiten im Werk selbst zu erledigen. Mit dieser Entscheidung wurden schon 1922 das Trolit-Presswerk und 1924 eine eigene Knopffabrik errichtet. Beide Betriebe lieferten hervorragende Endprodukte, die in ganz Deutschland und in Europa gefragt waren.

Ab 1930 schließlich wurde in Troisdorf das Augenmerk auf die Entwicklung der Aminoplaste gelenkt. Das Harnstoff-Formaldehyd-Harz Pollopas und das Melamin-Formaldehyd-Harz Ultrapas waren jetzt die Handelsnamen der führenden Troisdorfer Kunststoffprodukte. Aus Pollopas beispielsweise entstanden Telefonhörer, Telefongehäuse, Schaltknöpfe, Sanitärgegenstände, Grundplatten für Phonogeräte, Lichtschalter, Steckdosen, Teile von Haushalts- und Küchengeräten (Mixgeräte, Bügeleisengehäuse, Kaffeemaschinen usw.), Brotschalen, Tassen, Radiogehäuse, Geschirr in Wohnwagen, Zelten, Flugzeugen, Speise – und Schlafwagen (Tabletts. Essgeschirr u.a.) und aus den Harnstofflösungen Schaumstoffe für Isoliermaterial gefertigt.

Drei weitere Kunststoffarten, die 1931 auf der Basis des Harnstoffs unter Beimischung von Papier-, Gewebe- oder Holzstoffe als Pressstoffe hergestellt wurden, waren Trolitax, Dytron und Lignofol. Vor allem Lignofol erhielt als oberste Schicht helle Papierbahnen, die dekorativ gestaltet waren und als Tisch- und Möbelbelag  Verwendung fanden. Die Schichtstoffplatten mit Holzmischung wurden als Liwa- oder Lignofolplatten zur Auskleidung der Personenabteile und Flure in Eisenbahn- und Straßenbahnwagen sowie als Wandverkleidungen oder anderes verwendet.

Auch Vulkanfiber wurde in diesen Jahren, 1933/34, in die Produktion aufgenommen. Aus Vulkanfiber wurden Koffer, Papierkörbe, Transportbehälter, Schutzhelme, Schleifscheiben, Dichtungen, Sortierkästen u.a. Gegenstände hergestellt.

Die bis zu diesem Zeitpunkt in Troisdorf entwickelten, weiterverarbeiteten und in der Verwendungstechnik erprobten Kunststoffe waren vor allem Stoffe aus der Natur, die über neue chemische Verbindungen neue Herstellungen möglich machten. 1909 untersuchte in Leipzig der Chemiker H. Stobbe das künstlich hergestellte Styrol und seine Verwendung als festen Stoff, das Polystyrol. Mit dieser Entwicklung entfernte sich die Chemie vom Naturprodukt.

In Troisdorf widmete sich 1929 F. Schmidt in mehreren Versuchsreihen der Verwertbarkeit des Polystyrols. So wurde u.a. 1933 Astralon aus PVC hergestellt. Die Astralon-Platten sind hell und durchsichtig wie Glas und werden je nach Bedarf als Tafeln, Folien, Stäbe und Rohre hergestellt. Aus dieser Formgebung können dann Messgeräteskalen, Lineale, Zeichengeräte, Rechenschieber, Reklameschilder, Lampenzubehör, Abdeckfolien, Innenbehälter in Kühlschränken und sonstige empfindliche Gebrauchsgegenstände hergestellt werden.

Mipolam war ein weiteres Mischpolymerisat auf Basis PVC, bei dem Weichmacher und Stabilisatoren zugesetzt wurden, um daraus eine elastische Masse entstehen zu lassen. Dieser weichgemachte Kunststoff diente seit 1935 u.a. auch als Isoliermasse, für Drahtummantelungen und war in Plattenform ein neuartiger Bodenbelag. 1935 erfolgte auch die bis zum Ausbruch des Krieges mengenmäßig größte Rohstoffproduktion für PVC Hartrohre.

Hart-PVC-Platten, die seit 1937 unter dem Namen Trovidur firmierten, fanden Verwendung im Apparatebau und in der Elektrotechnik. Auch hier leisteten die Troisdorfer Werkstätten Pionierarbeit.

Vergleichbares traf für den Kunststoff Dynagen zu, der 1938 in die Produktion ging. Aus dem Entwicklungsprodukt wurden Abdichtungsfolien für das Bauwesen hergestellt, die die Dichtungstechnik revolutionierten und auch im Bautenschutz eingesetzt wurden. Eine andere Verwendung des Grundstoffes war der Einsatz bei der Lederwarenherstellung.

Mit diesen neuen Kunststoffen waren in Troisdorf bedeutende Entwicklungen und Vorgaben für die Zukunft erarbeitet worden. Es war die Grundlage geschaffen für den Aufbau einer chemischen Großindustrie - sowohl bei den Rohstoffen als auch bei den Halbprodukten.

Ein gravierender Einschnitt für diese erfolgreiche Entwicklungsarbeit und Produktion bedeutete der Zweite Weltkrieg. Einzelbetriebe der Kunststoff verarbeitenden Industrie wurden nach und nach auf Kriegsproduktion umgestellt. Durch eine Scheinanlage von Fabrikproduktionsstätten in der Wahner Heide versuchte man, den Standort der Kunststoff- und Sprengstofffabrik  vor feindlichen Angriffen zu schützen. Trotzdem wurde das Troisdorfer Werk mehrfach getroffen. Am 13. April 1945 waren nach der Flucht der deutschen Soldaten alle Troisdorfer Stadtteile von den Alliierten besetzt. Schon vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen hatte sich der Generaldirektor Dr. Paul Müller am 4. April 1945 im Zweigwerk Würgendorf bei Siegen das Leben genommen.

Die Währungsreform sowie die Anforderungen des Wiederaufbaus an die Industrie erforderten auch von der Geschäftsleitung der Dynamit-Actien-Gesellschaft (DAG) Neuordnungen im Leitungs- und Verwaltungsbereich und insbesondere in der Zielorientierung alter und neuer Produktbetriebe. Dabei war es eine Gewissheit, dass die überragende Bedeutung der Polymerisationskunststoffe aus Deutschland aufgrund des Krieges verlorengegangen war. Die Maxime hieß daher: Troisdorf muss weiterhin daran arbeiten, Chemiestandort zu werden.

Ein neues Produkt, das 1953 den Markt bereicherte und aus den Laboratorien Troisdorfs stammte, war das 1953 entwickelte Trosifol, das als PVC-Folie hergestellt und als Verbundglaszwischenlage beim Sicherheitsglas für Autoscheiben und im Baubetrieb Verwendung fand. Heute noch ist dieses Troisdorfer Kunststoffprodukt ein Markenartikel geblieben und findet vielfältige Anwendungen. Es ist auch in der Reichstagskuppel in Berlin verbaut. Aus Trocal wurden Regenrinnen, Fallrohre, Folien für den Dach- und Tunnelbau wie auch für die Deponieabdichtung gefertigt. Trofil diente als Endlosfaden für hoch feste Angelschnüre und als farbloses Nähgarn für die Textilindustrie – und nicht zu vergessen auch als Bespannung für Tennisschläger.

Ein Granulat mit besonderer Rezeptur auf Basis von Mipolam, das unter dem Namen Tromiphon firmierte,  wurde für die Schallplattenindustrie erzeugt. Aus Tromiphon entstanden unzerbrechlichen Vinylschallplatten, zuerst schwarz, später popbunt. Mipolam war schließlich auch der Kunststoff, der zu einem der größten Höhepunkte innerhalb der Produktionsserie in der ersten Hälfte der 50er Jahre führte: So entstand mit Mipolam das erste Kunststoff-Fensterprofil „Mipolam-Elastik“ der Welt. In Troisdorf wurden dabei Weich-PVC-Massen über Stahlprofile extrudiert, die so gestaltet waren, dass zwei planparallele Glasscheiben ohne Kitt dauerhaft fixiert werden konnten. Diese Profile konnten mittels geeigneter Eckverbinder dauerhaft zu Kunststoff-Fenstern zusammengebaut werden: Das erste Isolierglasfenster  mit Kunststoff-Profilen war geboren! Aus den Profilen für das Mipolam-Elastik-Fenster wurde 1967 das Mehrkammer-Kunststoff-Fensterprofil TROCAL auf Hart-PVC-Basis, dessen konstruktives Mehrkammer-Prinzip zur Basis des Energiesparfensters in der ganzen Welt reüssierte.

Die Vielfalt der Kunststoffmöglichkeiten ermöglichte es der DN schon 1959 ein Kunststoffhaus ausschließlich mit Kunststoffteilen aus Troisdorfer Fertigung für die Kundenwerbung und die Kunststoff-Messe in Düsseldorf zu bauen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war Troisdorf wieder – wie vor dem Krieg – die Metropole der Kunststoffverarbeitung mit einem breiten Produktsortiment.

Ebenfalls 1959 ändert sich der Troisdorfer Firmenname: Aus der Dynamit-Actien-Gesellschaft wurde die Dynamit Nobel AG. Inzwischen gehörte das Unternehmen zum Flick-Konzern, welcher 1986 von der Deutschen Bank aufgekauft wurde. In den folgenden Jahren musste die DN mehrfache Besitzerwechsel in allen Sparten über sich ergehen lassen. So erfolgte 1988 die Übernahme der Chemie- und Kunststoffaktivitäten durch VEBA / Hüls AG in Marl. Das Troisdorfer Unternehmen firmierte jetzt unter dem Namen Hüls Troisdorf AG (HT AG). 1994 erfolgte der Übergang auf die RAG-Tochter RÜTTGERS AG, woraufhin nochmals eine Umbenennung, diesmal zur HT TROPLAST AG, erfolgte. 2004 wurde die HAT Troplast AG wie auch die anderen RÜTGERS-Töchter im Rahmen der Neuausrichtung der RAG teilweise parzelliert verkauft. Die Verkaufserlöse wurden seitens RAG in die Aktien der EVONIK INDUSTRIES investiert. 

Auf dem Industrieparkgelände produzieren von den Ehemaligen heute jetzt noch Gerflor GmbH, Trosifol GmbH, Trocellen GmbH, Dynos GmbH, Sika Deutschland GmbH, Zentrale Werkstätten GmbH, Troservice GmbH und Röchling Plastics (mit etwa 900 Mitarbeitern). Es sind Unternehmen, die sich in ihrer Produktion nach wie vor dem Produkt Kunststoff widmen. Trotzdem bleibt festzuhalten: Das ganz große Troisdorfer Zeitalter der Kunststoffproduktion und Produktinnovation ist Geschichte, eben ein Teil der Troisdorfer Stadtgeschichte. Und darauf kann und darf Troisdorf stolz sein! Sein Stadtname ging und geht mit der Vorsilbe „TRO“ in Produktnamen wie TROCAL, TROCELLEN, TROVIDUR oder TROSIFOL in alle Welt, wo die Kunden die Produkte aus Troisdorf zum langfristigen Nutzen der Endkunden weiterverarbeiten. Und zudem – die erfolgreiche Entwicklung dieses Unternehmens hat mit seinen Tausenden von Mitarbeitern, seinen Steuern und seinen handwerklichen Zulieferern aus Troisdorf und dem Rhein-Sieg-Kreis über mehr als ein Jahrhundert zur Stadtentwicklung maßgeblich beigetragen. Dies zu dokumentieren, ist die Aufgabe des Museums für Stadt- und Industriegeschichte Troisdorfs.