Daten zur Geschichte von Dynamit Nobel in Troisdorf Teil III: 1945 bis 1964

13.04.1945 Dipl.-Ing. Ferdinand Habbel vertritt die

Interessen der Dynamit Nobel AG gegenüber den

amerikanischen Streitkräften und verhandelt mit

ihnen für den Wiederaufbau der DAG

08.05.1945 Tag des Waffenstillstands in Deutschland

      1. Der Alliierte Kontrollrat veröffentlicht seine „Zusätzlich an Deutschland gestellte Forderungen“ über Kontrolle der Industrie, Landwirtschaft etc., die Mitteilungspflicht der Industrie über Forschungen, Experimente, Ausarbeitungen und Entwürfe, die sich direkt oder indirekt mit Kriegsmaterial befassen, Aufforderung an die deutschen Behörden, Maßnahmen zur Rückerstattung, Wiederherstellung, Reparation,… durchzuführen, Unterordnung der deutschen Behörden unter die Aufsicht des Alliierten Kontrollrats etc.

      1. Dr. Rudolf Schmidt und Dr. Wilhelm Pungs werden von der britischen Militärregierung zu Geschäftsführern der Dynamit Nobel AG bestellt.

      1. Bekanntgabe der Demontageabsichten bei der DAG“ , Debatte im Sieglarer Gemeinderat,

Demontagelisten: Teilwerk für die Herstellung von

Stickstoff, Vulkanfiber (vollständige Demontage),

Gewinnung von Phenoplast und Erzeugung von

Celluloid (Teildemontage)

      1. Stellungnahme des Betriebsleitung mit Protest

gegen die Demontage des Vulkanfiberbetriebs

und des Celluloidbetriebs.

Es bleiben erhalten: Schichtstoffbetrieb (Trolitax),

das Presswerk und die Knopffabrik

16.10.1947 Stellungnahme des Troisdorfer Gemeinderats

gegen die Demontage

1948/1949 Beginn der Abbrucharbeiten, Versand der

Maschinen nach Frankreich, die Tschechoslowakei,

in die Niederlande und nach Jugoslawien

      1. Gesetz zum Ausgleich volkswirtschaftlicher

Demontagefolgen (Demontageausgleichgesetz)“

Die Bundesrepublik Deutschland übernahm nach

Konstituierung der Bundesregierung 1949 die Folgen diese Gesetzes. Durch dieses Gesetz ist der moderne Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft, teilweise aus Marshall-Plan-Mitteln, ermöglicht und begünstigt worden.

      1. Inkrafttreten der Währungsreform: 60 RM zu

40 DM am 20.6.1948, am 8.9.1948 20 DM; die

Wirtschaft erhielt 60 DM pro Mitarbeiter;

Altguthaben wurden zu 10 RM in 1 DM

umgetauscht.

Die Eröffnungsbilanz der DAG beinhaltet 10 Mio DM

Demontagewerte und 47 Mio DM an Aktienkapital

(ohne Abwertung)

      1. Das frühere Aufsichtsratsmitglied Dr.Ing Franz

Gajewski wird vom Aufsichtsrat zum technischen

Direktor bestellt.

Zusammen mit Dr. Hans-Jürgen Saechtling wird

das Wissenschaftliche Labor mit dem Ziel

aufgebaut, der Kunststoffproduktion in Troisdorf eine neue Grundlage zu geben.

Das Chlorchemiewerk Rheinfelden wird übernommen. An den Bahngleisen in Troisdorf wird

die Phenolfabrik erbaut

Das Polyacetalharz Ultralon wird hergestellt.

Der gesamte Sachverhalt- nach Kündigung des Marktbeherrschungsvertrags und Entflechtung von der IG-Farbenindustrie- für den Beginn der Kunststoffproduktion in Troisdorf wird im Geschäftsbericht 1948-1952 der Dynamit Nobel AG wie folgt dargestellt:

Für die Erzeugung und die Weiterverarbeitung von Kunststoffen steht unserer Gesellschaft als eigene Betriebsstätte die Kunststoff-Fabrik Troisdorf zur Verfügung, ferner als 100%ige Beteiligung die Tochtergesellschaften „Rheinisches Spritzgußwerk GmbH“ (mit Betrieben in Weißenburg/Bayern und Köln) für die Herstellung von Spritzgußartikeln und die „Eckert und Ziegler GmbH“ in Weißenburg für den Bau von Spritzgußmaschinen und –formen. Der neu aufgenommenen Erzeugung von chemischen Produkten werden die Chemischen Betriebe in Rheinfelden und Troisdorf dienen, so wie das seit 1949 in Aufbau begriffene Wissenschaftliche Laboratorium in Troisdorf.“

Dr. Saechtling berichtet beim Volksbildungswerk Hennef im März 1950 u.a.: 1939 wurden in Deutschland und USA je 100.000 jato Kunststoffe hergestellt. 1949 waren es in Deutschland schon 40.000 (und in USA 600.000 jato) und in 1951 werden es in D 168.000 jato sein.

Der Geschäftsbericht für 1949 erläuterte: „Die Wiederaufbaumaßnahmen setzen uns in den Stand, dem allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung in der Bundesrepublik auf unseren Arbeitsgebieten zu folgen. Dies gilt insbesondere für das Gebiet der Sprengstoffe und Zündmittel für den Bergbau und sonstige industrielle Zwecke. Auf dem Gebiet der Kunststoffe waren zum Teil größere Umstellungen erforderlich, um den Nachteilen zu begegnen, die ihrerseits eine Folge der durch die Entflechtung verursachten Auflösung der engen Zusammenarbeit und Aufgabenteilung mit den früheren IG-Werken waren.“

.“Trotz großer Vermögenseinbußen, die das Unternehmen durch den Krieg und durch die Kriegsfolgemaßnahmen erlitten hat, haben wir die Zuversicht, dass unsere Gesellschaft auch in Zukunft ihre alte Stellung behaupten wird, die seit Jahrzehnten im Wirtschaftsleben eingenommen hat.“

1950 Der Geschäftsbericht weist erstmalig nach dem

II. Weltkrieg einen Gewinn von 2,1 Mio DM, bei

einem Verlustvortrag von 14,9 Mio DM, aus.

1951 Geschäftsbericht: 50 % Umsatzsteigerung, 7531

Beschäftigte, 7,8 Mio DM Gewinn, 7,3 Mio DM

Verlustvortrag: 7,6 Mio DM.

1952 Gewinn:7,8 Mio DM, Verlustvortrag: 0,2 Mio DM

1953 TROSIFOL auf Basis Polyvinylbutyral wird als

neues Produkt als Zwischenfolie für Verbundsicherheitsglas eingeführt.

      1. Die Alliierte Hohe Kommission teilt die

vollkommene Entflechtung von der IG-

Farbenindustrie mit. Die Dynamit Nobel AG wird

aus der alliierten Kontrolle entlassen.

Der Aufsichtsrat unter dem Vorsitzenden Carl

Goetz bestimmt Herrn Dr. Ing. Franz Gajewski

zum Vorsitzenden des Vorstands; zu weiteren

Vorstandsmitgliedern werden Dr. Ernst R.

Fischer, Franz Anton Gierlichs, Dipl.-Ing.

Ferdinand Habbel und Dr. Paul Esselmann

bestellt.

1953 Geschäftsbericht: Gewinnausschüttung - 3,7 Mio

DM auf 47 Mio DM Aktienkapital.

DAG stellt die firmeneigene Turnhalle an der

Mülheimer Straße zur Unterbringung von

Flüchtlingen aus dem Osten (bis 1955) zur

Verfügung.

1954 Unter dem Markennamen MIPOLAM

Elastikfenster wird ein korrosions-schützender

Überzug aus Weich-PVC über Metallprofile

extrudiert, der 2 parallele Glasscheiben ohne Kitt

fixieren kann, und für Fenster und Türen im Markt

eingeführt.: Das erste Kunststofffenster der

Welt! Später –ab Mitte der 60iger- wird schlagzäh-

modifiziertes Hart-PVC verwendet unter dem

Markennamen TROCAL.

Zusammen mit der Rheinisch-Westfälischen

Stahlwerke AG wird auf Basis 50:50 die Dynarohr-

Werk GmbH zur Herstellung und Vermarktung von

Kunststoff-Rohren gegründet.

Geschäftsbericht 1954: Umsatz – 275 Mio DM,

Gewinn – 3,95 Mio DM. 560 Mitarbeiter werden

eingestellt.

Die Weltproduktion an Kunststoffen beträgt 2.4

Mio t, die von Deutschland 0,34 Mio t.

Als Hauptproduzenten in D gelten Bayer-

Leverkusen, BASF-Ludwigshafen, Farbwerke

Hoechst, Wacker-Chemie und Chemische Werke

Albert, Wiesbaden, und Dynamit Nobel AG.

1955 Die PVC-Anlage in Troisdorf wird voll ausgefahren.

Der Astralon-Kalander wird in Betrieb

genommen. Die Produktion von PVC- und PE-

Rohren (Trolen) wird ausgeweitet. Eine Großanlage

zur kontinuierlichen Herstellung von Mipolam-

Bodenbelägen geht in Betrieb. Der Trolit-Betrieb

steigert seine Produktion; ebenso die

Vulkanfiber-, Knopf- und Nitrocellulose-

betriebe.

Die Gesamtproduktion Troisdorfer Kunststoffe

(einschl. der in Troisdorf erzeugten chemischen

Produkte) beträgt 47.000 t (1954:38.000 t). Die

Gesamtzahl der in Troisdorf Beschäftigten beträgt

7236, davon sind 5777 Arbeiter und 1459

Angestellte.

Für die im Vorjahr eingeführte Betriebsrente wird

den Berechtigten ein Rechtsanspruch gewährt.

Der werkgeförderte Wohnungsbau wird mit

900.000 DM bezuschusst.

In der Sparte Kunststoffe in Troisdorf werden

4840 Personen, damit 45 % der Gesamt-

belegschaft, beschäftigt.

Mit den Zuweisungen für den werknahen

Wohnungsbau werden Wohnungen und Eigenheime

am Ravensberger Weg, Agnes-Straße in Oberlar

und am Hohlstein in Spich (Hohlsteinstrasse und

Kiefernstrasse) gefördert.

Die Kunststoffmesse Düsseldorf 1955 mit 220

Firmen der Kunststoffindustrie und 100 Firmen der

Kunststoffmaschinen- und Werkzeugindustrie zeigt

das große Zukunftspotential der Branche, das ab 1919 hauptsächlich in Troisdorf seinen Ausgang genommen hat. Die Kufa (Kunststoff-Fabrik) aus Troisdorf hatte einen beeindruckend großen Stand auf der K 1955 in Düsseldorf: Das Kunststoff-Warenhaus aus Troisdorf war ein echter Messebesuchermagnet.

Der Umsatz der Dynamit Nobel AG war um 10 % auf über 358 Mio DM gestiegen, und der Gewinn wurde mit 5,4 Mio DM angegeben.

Zu Ehren von Herrn Generaldirektor Dr. Fritz Gajewski wird zu seinem 70. Geburtstag die gleichnamige Stiftung zur Förderung des Begabten-Nachwuchses mit 150.000 DM Startkapital gegründet.

1956 Die Gesamtkunststoffproduktion beträgt 52.000 t.

Schwerpunkte der Investitionen waren: PVC-Betrieb

(Kapazitätsverdoppelung), Mipolambetrieb (drei

Kalander für Astralon und Hartfolie und eine Anlage

zur Herstellung von Fußbodenbelägen) ; Ultrapas

und Celluloid wurden ebenso erweitert.

Das neue Verwaltungsgebäude an der

Kaiserstraße/Kölner Straße wird am 2. Juni

durch Dr. Fritz Gajewski und Dr. Paul

Esselmann in Dienst gestellt. Das

Haus war zu dieser Zeit das erste Hochhaus im

früheren Siegkreis und für die neue Stadt Troisdorf,

die seit dem 23. März 1952 die Stadtrechte besaß.

Architekt für diese Verwaltungsgebäude war Herr

Schaeffer-Heyrothsberge. Das Haus wurde seinerzeit

im Bonner General-Anzeiger betitelt: DAG-Haus –

Haus der schöpferischen Initiative.

Das Haus der Technik wurde bezogen.

Das Gebäude für Verfahrens- und

Anwendungstechnik wurde in Betrieb genommen.

Die Werksbibliothek wurde eröffnet.

Unterkunfts- und Speiseräume in der Nähe

der Produktionsstätten wurden errichtet.

Der Wohnungsbau für Betriebsangehörige wurde

stark mit 1,63 Mio DM gefördert.

Die Arbeitsplatzzahl am Standort betrug 7537,

zuzüglich 466 ausländische Arbeitnehmer und 239

fremde Leiharbeiter.

Umsatz: 316 Mio DM, Reingewinn: 5,8 Mio DM,

Aktionärsausschüttung: 12 % auf 47 Mio DM

Aktienkapital.

  1. Nach dem Ausscheiden von Dr. Fritz Gajewski aus

dem Aufsichtsrat übernahm Dr. Ernst Fischer

kommissarisch den Vorsitz.

1957 war, aus rückwärtiger Betrachtung, das

letzte Jahr des Auf- und Wiederaufbaus nach dem

II. Weltkrieg und ein Höhepunkt der Nachkriegs-

konjunktur.

Die vorausgegangenen Kapazitätserweiterungen bei

der Chlor-Alkali-Elektrolyse in Rheinfelden, in der

PVC-Produktion und der von Press- und

Spritzgußmassen in Troisdorf erlaubten eine

Absatzsteigerung auf 60.000 jato Kunststoffe. Der

Umsatz stieg auf 368 Mio DM. Der Gewinn belief sich

auf 5,83 Mio DM. Die Zahl der Troisdorfer

Beschäftigten betrug 7537 Personen und

391 ausländische Arbeitnehmer und 360

Leiharbeiter, insgesamt 8974 Personen im Werk

Troisdorf.

Dr. Fischer berichtete in seiner Rückschau auf 1957:

Wir wissen, dass wir eine Firma sind, die in

Deutschland und der Welt einen hervorragenden Ruf

hat. Es ist eine Ehre, ihr anzuhören. Wir wissen,

dass wir Mitarbeiter haben, die arbeiten und

Leistung erbringen.“

Dr. Dieter Bührle, Zürich-Oerlikon, wurde stellv.

Aufsichtsratsvorsitzender. Dipl.-Ing. Wilhelm

Biedenkopf und Dipl.-Ing. Heinrich Schindler

wurden zu stellvertretenden Vorstandsmitgliedern

bestellt.

  1. Für dieses Jahr wurden die Problemstellung wie folgt

beschrieben:

-Die rückläufige Weltkonjunktur machte sich bei der

DAG auch in Troisdorf bemerkbar.

-Kostensteigerungen bei den Personalkosten

aufgrund von Tariferhöhungen wurden teilweise

durch Rationalisierungsmaßnahmen aufgefangen.

-Investitionen in einen Weichfolienkalander,

Erweiterung der PVC-, Astralon- und

Trovidurproduktion.

-Der Knopfbetrieb wird am 21.12. 1958 stillgelegt.

-Das Wissenschaftliche Laboratorium war voll

betriebsfähig.

-Der Troisdorfer Kunststoff-Pavillon, ganz aus

Kunststoffteilen, inklusive der Innenausstattung,

hergestellt, wird eröffnet; er dient Kunden-

besuchern zur Werbung und Information.

-Der Kauf der Chemischen Werke Witten GmbH

(früher Imhausen-Werke) wurde vollzogen. Die

Produktion von DMT (Dimethylterephthalat,

Rohstoff für Polyester -PET = Polyethylen-

terephthalat- für Flaschen, Folien, Fasern) und das

Herstell-know-how dafür (Katzschmann-Verfahren

= katalytische Luftoxidation von p-Xylol und

gleichzeitige Veresterung mit Methanol) gingen

100%ig auf DAG über.

Der Gewinn belief sich auf 6,72 Mio DM, die

Aktionärsausschüttung auf 6,58 Mio DM.

29. Juni 1958 Dr. Friedrich Flick übernimmt das Aktienpaket

der Bührle-Gruppe, Zürich-Oerlikon, im

Nominalwert von 47 Mio DM (12 bis 13 % des

Aktienkapitals). Er wird zum Aufsichtsrats-

vorsitzenden ernannt. Diese Aktivitäten von Dr.

Friedrich Flick verfolgen das Ziel, industriell in den

wachsenden Weltkunststoffmarkt einzusteigen.

Flick sah mit seiner Beteiligung an dem

Troisdorfer Kunststoffwerk eine wichtige

Ergänzung seiner Feldmühle-Beteiligung (Papier,

Zellstoff) und außerdem einen Einstieg in das

weltweite Chemiegeschäft.

Der Aufsichtsrat bestellt Herrn Dr. Ernst R.

Fischer zum Vorstandsvorsitzenden und ernennt

die Herren Dipl.-Ing. Wilhelm Biedenkopf und

Heinrich Schindler zu Vorstandsmitgliedern. Die

weiteren Mitglieder des Vorstands sind

unverändert: Dr. Paul Esselmann, Franz Anton

Gierlichs und Ferdinand Habbel.

  1. Die Feldmühle Papier- und Zellstoffwerke AG, bei

der Friedrich Flick Großaktionär war, stockte

ihren Kapitalanteil an DN AG auf über 25 % auf.

Über seine AG für Kunststoffwerte erwarb er

weitere Aktienpakete. Gegen Ende 1959 hielt Flick

82 % der Aktien, und er konnte im Rahmen des

Umwandlungssteuergesetzes den restlichen

Aktionären ein zwingendes Übernahmeangebot

unterbreiten („squeeze out“).

Flick bekräftigte in seiner Eigenschaft als

Aufsichtsratsvorsitzender, dass sich am sozialen

Status der Belegschaft nichts ändern werde, es sei

denn zu ihrem Vorteil.

28.12 1959 Die AG für Kunststoffwerte übertrug ihr von 47

Mio DM auf 96 Mio DM aufgestocktes Kapital auf

Die neue Firma Dynamit Nobel Aktiengesellschaft

DN AG- mit Sitz in Troisdorf.

Nun war der Weg frei für die industrielle

Zusammenarbeit mit der Feldmühle AG,

insbesondere mit deren Werk in

Lülsdorf am Rhein. Dazu führte Dr. Fischer aus:

„Wenn die Dynamit Nobel AG ihre Stellung auf

diesem Markt (der Kunststoffverarbeitung) halten

wolle, müsse sie eine ausreichende eigene

Rohstoffbasis aufbauen. Daher sei die Verbindung

mit der Feldmühle, die über das erforderliche

Gelände (in Lülsdorf) verfügt, für das

Unternehmen lebensnotwendig.“ So wurde eine

Vinylchlorid-VC-Anlage in Lülsdorf und eine

Kapazitätsaufstockung der PVC-Anlage in

Troisdorf geplant.

Dynamit Nobel AG galt in dieser Zeit als Europas

größter Kunststoffverarbeiter. Die Produktion der

Kunststoff-Fabrik –KUFA- lag bei 71.000 t.

  1. In Ägypten wird die Fertigung von Ultrapas-

Platten (dekorative Schichtstoffe) aufgenommen.

Verkaufsbüros werden in Bremen, München,

Nürnberg, Coburg, Hannover, Kassel und

Saarbrücken eröffnet. Der 5-Walzenkalander in

der Miplolamfabrik und die 16-Etagenpresse in der

Vulkanfiberfabrik wurden in Betrieb genommen.

Die Produktion der KUFA lag bei 84.000 t, die Zahl

der Beschäftigten stieg auf 9200 Personen.

Vom Dynaplastik-Werk in Bergisch-Gladbach

übernahm DN 50% des Stammkapitals und war

damit an der Produktion von Rolladenprofilen

beteiligt. Der Gewinn betrug 5,9 Mio DM. Die

Beteiligungen am Aktienkapital (96 Mio DM) der

DN waren: Feldmühle 67,6 %, 32,4 % Bührle

(Orlikon, Schweiz) und Flick, Düsseldorf.

  1. Direktor Dr. Ernst Becker, ein renommierter

Fachmann der Kunststoffverarbeitung, berichtete

in der Werkszeitschrift der Dynamit Nobel AG,

Nr.1/1961:“ Die Kunststoffindustrie ist keine ganz

junge Industrie. Schon im vorigen Jahrhundert

gab es eine beachtenswerte Fabrikation von

Kunststoffen auf der Basis von abgewandelten

Naturstoffen. Es waren das Celluloid und

Vulkanfiber mit Cellulose als Grundlage sowie

Kunsthorn mit Milch-Casein als Grundstoff. Die

Erzeugnisse dieser Industrie waren der

Allgemeinheit vor allem in Form von Puppen,

Kämmen, Koffern und Knöpfen bekannt.

Seit den beiden Weltkriegen hat sich das alles

grundlegend geändert. Es sind zahllose

Kunststoffe hinzugekommen und auf Schritt und

Tritt stößt man auf sie. Es gibt Fußböden,

Telefonapparate, Radiogehäuse, Lampenschirme,

Schalter, Dacheindeckungen, Karosserien,

Wasser- und Abwasserrohre aus Kunststoff, um

aus der Unzahl der Anwendungsmöglichkeiten nur

einige wenige zu nennen. Es ist aber ein sehr

weiter, mühevoller Weg, der von der Entdeckung

eines Stoffes bis zu seiner Anwendung als Kunststoff

führt. Es sei hier auf das interessante Beispiel des

Polystyrols hingewiesen. Das monomere Styrol

kommt u.a. im Leuchtgas vor und sein

Polymerisationsprodukt, das Polystyrol, fiel nur

dadurch unangenehm auf, dass es sich in Gasuhren

festsetzen konnte und diese dadurch blockiert

wurden. Heute werden monatlich viele Tonnen

Polystyrol verarbeitet, überall sieht man

Gegenstände, die aus ihm hergestellt sind. Um

dieses Ziel zu erreichen, bedurfte es viel Schweiß

und Mühe. Aber auf dem langen Weg bis heute

wurde noch eine andere schwierige Klippe

überwunden.

Seit dem 1. Weltkrieg war der Name Kunststoff

vielfach mit dem Makel des Surrogates behaftet. Die

Kunststoffe haben diesen Makel längst abgestreift,

sie führen ihren Namen heute nach drei

erfolgreichen Kunststoff-Messen mit Stolz; ja fast

wird manchmal des Guten zuviel getan und man

verlangt im „Jahrhundert der Kunststoffe“ von

diesen Stoffen einfach alles.

Die Troisdorfer Kunststoff-Fabrik hat für die

Einführung und die Entwicklung der Kunststoffe

sowohl in Deutschland wie in der Welt manche

bahnbrechende Pionierarbeit geleistet, und wenn

heute die Verwendung von Kunststoffen

gewissermaßen Allgemeingut geworden ist, so ist

das nicht immer so gewesen. Es gab Zeiten, in

denen dieser oder jener Kunststoff erstmalig seinen

Weg von Troisdorf zu den Verbrauchern antrat.

Von Troisdorf aus nahm also das Spritzgießen der

Kunststoffe seinen Anfang. Heute ist daraus ein

überaus bedeutender Industriezweig geworden, in

dem die Acetylcellulose (Cellonex) einen zwar

immer noch einen beachtlichen Anteil hat,

prozentual aber nur noch einen kleinen Teil der

gesamtem Spritzgußmassen überhaupt darstellt.

Die bald angegliederte Tochtergesellschaft

Eckert & Ziegler“, Weißenburg/Bayern, die

Spritzgußmaschinen herstellt, hat sich um die

Entwicklung dieser Maschinen große Verdienste

erworben und nimmt heute noch einen beachtlichen

Platz ein.

Als die Herstellung des Polystyrols in technischem

Maße gelungen war, als in Troisdorf die Eignung des

Stoffes für Spritzgußzwecke erkannt war, galt es

immer noch, große Schwierigkeiten zu überwinden.

Der Spritzgußartikel wurde trüb und rissig, es gelang

in Troisdorf, die Ursachen hierfür zu ermitteln und

den Weg für den Siegeszug dieses Stoffes

freizumachen.

Nach 1918 wurde auch das Pressen von

Gegenständen aus Phenolharzpreßmassen aufgenom-

men. Hier waren es insbesondere komplizierte

Preßteile mit eingelegten Metallteilen, wie sie

beispielsweise komplette Tischtelefonapparate

darstellten, oder Großpreßteile, wie die damals

außerordentlich großen Radiogehäuse, mit denen

Troisdorf bahnbrechend voranging. Im Zuge dieser

Entwicklung waren aus dem Preßstoff Dynal ganze

Karosserieteile und ähnlich große Teile für die

Wehrmacht auf 5000-t-Pressen und noch größeren

Pressen hergestellt. Dynamit Nobel hat als eine der

ersten Firmen der Welt die Preßmasse Pollopas auf

den Markt gebracht, die in die Preßartikel (aus

Duroplasten) die farbige Note brachte, die damals nur

den Spritzgußmassen (aus Thermoplasten) eigen war.

Es darf nicht vergessen werden, dass die ersten

Folien in Troisdorf hergestellt wurden und dass die

Kaschierung von Kunststoffen für Regenbekleidung

und Faltboote in Troisdorf ihren Anfang gefunden

hat.

Wenn heute die meisten Zuleitungen für elektrische

Geräte mit weißen oder farbigen Weich-PVC umhüllt

sind, so ist die erste Kabelmasse in Troisdorf

entstanden, die wegen ihrer schweren Brennbarkeit

rasch großen Anklang fand, nicht zuletzt auch für

elektrische Zünder für den Bergbau.

Auch die Verarbeitung derartiger Kunststoffe auf

Walzen, die über den Zersetzungspunkt erhitzt

waren, wurde in Troisdorf erstmalig mit PVC-

Mischpolymerisaten durchgeführt; sie ist aus der

Technik des lösungsmittelfreien Pulvers entlehnt und

wurde Vorbild für die Verarbeitung von PVC und

vielen anderen Kunststoffen. Besonders zu nennen

sind die in Troisdorf hergestellten Folien und Platten

aus Mischpolymerisaten (Astralon), die eine

vielseitige Verwendung fanden und nicht zuletzt für

die Kartographie von, man kann fast sagen,

umwälzender Bedeutung geworden sind. Schon

damals begann man mit Tief- und Kaltziehen dieser

Platten.

Auch bei der Herstellung von Schäumen aus

Kunststoffen hat Troisdorf wesentliche Pionierarbeit

geleistet (Trovipor aus Weich-PVC). Das gleiche gilt

für die Verwendung von Weich-PVC für

unzerbrechliche Vinyl-Schallplatten (Tromiphon,

schwarze und -ab 1972- bunte Mischungen).

Zu den Troisdorfer Pionierarbeiten zählen die

Arbeiten zur Verwendung von Kunststoffen (auf Basis

Celluloid) für künstliche Gebisse, wenn sich auch

später die Anwendung auf einen anderen Kunststoff

verlagert hat, der nicht in Troisdorf fabriziert wird.

Interessant wind die ersten versuche in Troisdorf

zum Verblasen von Kunststoffen, eine Technik, die im

Laufe der Zeit immer größere Bedeutung (u.a. für

dünnwandige Verpackungsfolien) erlangt hat.

Weich-PVC-Folien wurden auch für Dichtungen aller

Art (auf dem Dach und im Boden) erstmalig

verwendet.

Auch nach dem 2. Weltkrieg ist Troisdorf seiner

Tradition, als Pionier auf dem Kunststoffgebiet zu

wirken, treu geblieben.

Natürlich kann, wenn einmal ein gewisser Stand in

der Anwendungstechnik erreicht ist, nicht jeden Tag

etwas absolut Neues gefunden werden. Die

Hauptarbeit besteht in tausenderlei Verbesserungen,

die nach außen weniger in Erscheinung treten. Auch

haben mittlerweile eine Vielzahl von Unternehmen die

Verarbeitung von Kunststoffen aufgenommen, so dass

auch deshalb die Entwicklung völlig neuer Gebiete

immer schwieriger wird.

Aber auch heute steht Troisdorf in vorderster Front

und auch in neuester Zeit kann es auf ausgesprochene

Pionierarbeiten hinweisen. Es seien nur einige Gebiete

erwähnt: Es gelang beispielsweise ein Astralon zu

entwickeln, das mit Hilfe des neuen Vakuum-Tiefzieh-

Verfahrens tiefgezogen werden kann. Und in

mühevoller Arbeit wurde ein 100%ig geeignetes

Rohrmaterial aus schlagzähem Hart-PVC für die

Frischwasserversorgung und für Abwässer geschaffen.

Pionierarbeit wurde auch für die Entwicklung eines

gießfähigen Phenolharzschaumes für die

verschiedensten Zwecke von der Isolierung bis zum

Blumensteckschaum) geleistet.“

Diese Leistungsbilanz des Fachmannes in

Kunststofffragen ist ein beredtes Zeugnis für die

Schicksalhaftigkeit und die Weltbedeutung des

Kunststoff-Standortes („Welt-Hauptstadt der

Kunststoffverarbeitung“) Troisdorf.

Über die geschäftliche Entwicklung in 1961 berichtete

Generaldirektor Dr. Fischer:

  • die Beschäftigtenzahl erreichte 9005 Arbeiter und

Angestellte in Troisdorf mit 149 ausländischen Mitarbeitern, zusätzlich 550 Leiharbeitskräfte,

  • das Unternehmen stellte 1,7 Mio DM für den

Wohnungsbau ihrer Beschäftigten bereit.

  • Es wurden 90.000 t Waren hergestellt (+7%9

  • Der Gesamtumsatz ging zurück

  • Der PVC-Betrieb in Troisdorf wurde vergrößert. Für

den Transport des Vinylchlorids wurde in Lülsdorf eine Abfüllanlage vom Schiff auf Tankwagen in Betrieb genommen.

  • mit dem Bau des Dynarohr-Werks an der

Mülheimer Straße wurde begonnen.

  • die neue Arztabteilung wurde ihrer Bestimmung

übergeben,

  • das Sozialgebäude an der Kaiserstraße (Kasino)

und die Anwendungstechnische Abteilung sind als Neubauten begonnen worden.

Dr. Fischer betonte die zunehmende Verschärfung des Wettbewerbs mit zunehmenden Importdruck und den Rückgang der Zuwachsraten, was zu teilweisen Rücknahmen der Verkaufspreise für einige Produkte führte.

Der Phenolbetrieb wird wegen fehlender Rentabilität geschlossen.

  1. Zum 1. Januar wurde der Beschäftigungsvertrag für

das Werk Lülsdorf der Feldmühle Papier- und

Zellstoffwerke AG, Düsseldorf, durch ein

Pachtverhältnis mit Dynamit Nobel AG ersetzt.

Jetzt wurde in der VC-Anlage in Lülsdorf auf Basis

Acetylen Vinylchlorid -VC- hergestellt mit eigenem

Chlor aus der Elektrolyse von Steinsalz aus

Rheinfelden. Das VC wurde in Druckkesselwegen auf

dem Schienenetz der Kleinbahn Troisdorf oder per

Tanklastwagen nach Troisdorf zur Polymerisation in

der PVC-Anlage transportiert.

Auf Messen werden die Produkte aus Troisdorf

beworben: Astralon, Mipofix, Libradur, Librafol,

Trovitherm, Mipolam-Weichfolien, Mipolam-

Bodenbeläge, Mipolam-Möbelprofile, Mipolette-Deko-

Folien, Mipofix-Klebefolien, Tronex- und Tronette-

Lichtbahnen aus transparenten glasfaserverstärkten

Polyesterbahnen mit Wellenstruktur, Ultrapas-Dekor-

Platten.

      1. Die Produktionsnalagen des Dynarohr-Werks in Mülheim wird an den ehemaligen Sportplatz in Oberlar am Ostrand von Spich an der Mülheimer Straße verlegt. An Dynarohr waren zu je 50 % die Rheinischen Stahlwerke und Dynamit Nobel AG beteiligt. Die Beteiligung der Rheinischen Stahlwerke wurde in freundschaftlichem Einvernehmen von Dynamit Nobel AG übernommen.

Mit der Feldmühle Aktiengesellschaft wurde ein Organschaftsvertrag, einschließlich Gewinn- und Verlustübernahmevertrag geschlossen.

Auf dem Kunststoffgebiet hat sich die in den Vorjahren festgestellte rückläufige Preisentwicklung auch in 1962 fortgesetzt. Auch wurden einige Kunststoffprodukte durch die technische Entwicklung am Markt überholt. Die Mittel für Forschung und Entwicklung wurden wiederum erhöht.

Am 31.12 1962 betrug die Mitarbeiterzahl in Troisdorf (Züfa und Kufa) 8852 Personen. Der Gewinn belief sich auf 12,3 Mio DM, der an die Feldmühle abgeführt wurde.

  1. Im Kunststoffgebiet lag die erfreuliche

mengenmäßige Umsatzsteigerung infolge der

überwiegend rückläufigen Erlöse wieder über

der wertmäßigen Steigerung. Der Umsatz auf dem

Gebiet der härtbaren Harze und Pressmassen

stagnierte oder war gar rückläufig; es wuchsen die

Umsätze mit Erzeugnissen auf Basis

thermoplastischer Massen. Der Schwerpunkt der

Investitionen wurde auf diese Gebiet gelegt.

Beträchtliche Mittel wurden für die Entwicklung

neuer Produkte und für die Erschließung neuer

Anwendungsgebiete für Kunststoffe und

Kunststofferzeugnisse aufgewendet.

Der Umsatz des Dynarohr-Werkes war gegenüber

dem Vorjahr gestiegen, die Erlöse waren hingegen

unzureichend, so dass die Ergebnisse trotz

beachtlicher Rationalisierungserfolge nicht

befriedigend waren.

Bei den Chemischen Erzeugnissen stieg der mengen-

und wertmäßige Umsatz und der Anteil am

Gesamtumsatz an.

Die Jahresproduktion der Kufa betrug 100.000 t. Es

ergab sich ein Umsatzrückgang von 628 Mio DM in

1962 auf 622 Mio DM in 1963. Der erwirtschaftete

Überschuss betrug 20,1 Mio DM.

Auf der K 63 in Düsseldorf wurden als Neuheiten

vorgestellt: TROVIDUR HT, DYNAZELL, ULTRAPAS-C-

C-Collection, TROLITUL AN 4, TROGAMID T,

DYNAPLAN-Folien, TROCAL-Dachrinnen, TROVIDUR-

Platten, TROVIDUR-Tanks, TRONETTE-Dachbahnen.

Allgemein wurde ein Arbeitskräftemangel in

Deutschland diagnostiziert, der auch nicht

ausländische Mitarbeiter ausgeglichen werden

könne. Dies würde zu Störungen des Marktes

führen.

  1. Am 1. Februar trat Direktor Dr. Fischer aus

gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand. Als

sein Nachfolger wurde der stellvertretende

Aufsichtsratsvorsitzende Dr. Herbert Rohrer

bestellt. Er war zur gleichen Zeit

Generalbevollmächtigter der Friedrich Flick AG .

Dr. Werner Kneip, der frühere Geschäftsführer

der Chemischen Werke Witten GmbH, wurde als

ordentliches Vorstandsmitglied berufen.

Im Geschäftsbericht wurde für 1964 eine weitere

Umsatzsteigerung bei den Kunststoffen von 13,1 %

und bei den Chemikalien um 11,3 %. Die

Ergebnisse waren durch Rationalisierungs-

massnahmen und gute Kapazitätsauslastung bei

ungünstiger Kostenentwicklung und stark

gestiegenen Personalkosten zustande gekommen.

Die VC-Synthese wird -weg von Acetylen- auf

Ethylen umgestellt. Ethylen wird durch einen Düker

(Rohrleitungssystem unter Wasserflächen)

unterhalb des Rheins von der gegenüberliegenden

Raffinerie Wesseling geliefert. Damit war die

Synthese auf petrochemische Grundstoffe

umgestellt.

Der Jahresgewinn wurde mit 24,6 Mio DM

ausgewiesen, wovon 8,5 Mio DM in die Rücklagen

fließen.

Berichterstatter: Dr. Volker Hofmann, Februar 2007

 

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