Teil III: 1945 bis 1964
(nach Matthias Dederichs „100 Jahre Kunststoffe aus Troisdorf“, in Troisdorfer Jahreshefte 2005, S.34 – 66, Berichterstatter: Dr. Volker Hofmann, Februar 2007)

13.04.1945
Dipl.-Ing. Ferdinand Habbel vertritt die Interessen der Dynamit Nobel AG gegenüber den amerikanischen Streitkräften und verhandelt mit ihnen über den Wiederaufbau der DAG

08.05.1945
Tag des Waffenstillstands in Deutschland

5.6.1945
Dr. Rudolf Schmidt und Dr. Wilhelm Pungs werden von der britischen Militärregierung zu Geschäftsführern der Dynamit Nobel AG bestellt.

20.9.1945
„Bekanntgabe der Demontageabsichten bei der DAG“ , Debatte im Sieglarer Gemeinderat, Demontagelisten: Teilwerk für die Herstellung von Stickstoff, Vulkanfiber (vollständige Demontage), Gewinnung von Phenoplast und Erzeugung von Celluloid (Teildemontage)


29.10.1945
Der Alliierte Kontrollrat veröffentlicht seine „Zusätzlich an Deutschland gestellte Forderungen“ über Kontrolle der Industrie, Landwirtschaft etc., die Mitteilungspflicht der Industrie über Forschungen, Experimente, Ausarbeitungen und Entwürfe, die sich direkt oder indirekt mit Kriegsmaterial befassen, Aufforderung an die deutschen Behörden, Maßnahmen zur Rückerstattung, Wiederherstellung, Reparation, durchzuführen, Unterordnung der deutschen Behörden unter die Aufsicht des Alliierten Kontrollrats etc.

20.10.1947
Stellungnahme des Betriebsleitung mit Protest gegen die Demontage des Vulkanfiberbetriebs und des Celluloidbetriebs. Es bleiben erhalten: Schichtstoffbetrieb (Trolitax), das Presswerk und die Knopffabrik

16.10.1947
Stellungnahme des Troisdorfer Gemeinderats gegen die Demontage

1948/1949
Beginn der Abbrucharbeiten, Versand der Maschinen nach Frankreich, in die Tschechoslowakei, in die Niederlande und nach Jugoslawien

25.5.1948
„Gesetz zum Ausgleich volkswirtschaftlicher Demontagefolgen (Demontageausgleichgesetz)“. Die Bundesrepublik Deutschland übernahm nach Konstituierung der Bundesregierung 1949 die Folgen diese Gesetzes. Durch dieses Gesetz ist der moderne Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft, teilweise aus Marshall-Plan-Mitteln, ermöglicht und begünstigt worden.

21.6.1948
Inkrafttreten der Währungsreform: 60 RM zu 40 DM am 20.6.1948, am 8.9.1948 20 DM; die Wirtschaft erhielt 60 DM pro Mitarbeiter; Altguthaben wurden zu 10 RM in 1 DM umgetauscht.
Die Eröffnungsbilanz der DAG beinhaltet 10 Mio. DM Demontagewerte und 47 Mio. DM an Aktienkapital (ohne Abwertung)

1.3.1949
Das frühere Aufsichtsratsmitglied Dr.-Ing. Franz Gajewski wird vom Aufsichtsrat zum technischen Direktor bestellt.
Zusammen mit Dr. Hans-Jürgen Saechtling wird das Wissenschaftliche Labor mit dem Ziel aufgebaut, der Kunststoffproduktion in Troisdorf eine neue Grundlage zu geben. Das Chlorchemiewerk Rheinfelden wird übernommen. An den Bahngleisen in Troisdorf wird die Phenolfabrik erbaut. Das Polyacetalharz Ultralon wird hergestellt.
Der gesamte Sachverhalt- nach Kündigung des Marktbeherrschungsvertrags und Entflechtung von der IG-Farbenindustrie- für den Beginn der Kunststoffproduktion in Troisdorf wird im Geschäftsbericht 1948-1952 der Dynamit Nobel AG wie folgt dargestellt:
„Für die Erzeugung und die Weiterverarbeitung von Kunststoffen steht unserer Gesellschaft als eigene Betriebsstätte die Kunststoff-Fabrik Troisdorf zur Verfügung, ferner als 100%ige Beteiligung die Tochtergesellschaften „Rheinisches Spritzgusswerk GmbH“ (mit Betrieben in Weißenburg/Bayern und Köln) für die Herstellung von Spritzgussartikeln und die „Eckert und Ziegler GmbH“ in Weißenburg für den Bau von Spritzgussmaschinen und –formen. Der neu aufgenommenen Erzeugung von chemischen Produkten werden die Chemischen Betriebe in Rheinfelden und Troisdorf dienen, so wie das seit 1949 in Aufbau begriffene Wissenschaftliche Laboratorium in Troisdorf.“
Dr. Saechtling berichtet beim Volksbildungswerk Hennef im März 1950 u.a.: 1939 wurden in Deutschland und USA je 100.000 Jahrestonnen (jato) Kunststoffe hergestellt. 1949 waren es in Deutschland schon 40.000 (und in USA 600.000 jato) und in 1951 werden es in D 168.000 jato sein.
Der Geschäftsbericht für 1949 erläuterte: „Die Wiederaufbaumaßnahmen setzen uns in den Stand, dem allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung in der Bundesrepublik auf unseren Arbeitsgebieten zu folgen. Dies gilt insbesondere für das Gebiet der Sprengstoffe und Zündmittel für den Bergbau und sonstige industrielle Zwecke. Auf dem Gebiet der Kunststoffe waren zum Teil größere Umstellungen erforderlich, um den Nachteilen zu begegnen, die ihrerseits eine Folge der durch die Entflechtung verursachten Auflösung der engen Zusammenarbeit und Aufgabenteilung mit den früheren IG-Werken waren.“
….“Trotz großer Vermögenseinbußen, die das Unternehmen durch den Krieg und durch die Kriegsfolgemaßnahmen erlitten hat, haben wir die Zuversicht, dass unsere Gesellschaft auch in Zukunft ihre alte Stellung behaupten wird, die seit Jahrzehnten im Wirtschaftsleben eingenommen hat.“

1950
Der Geschäftsbericht weist erstmalig nach dem II. Weltkrieg einen Gewinn von 2,1 Mio. DM, bei einem Verlustvortrag von 14,9 Mio. DM, aus.

1951
Geschäftsbericht: 50 % Umsatzsteigerung, 7531 Beschäftigte, 7,8 Mio. DM Gewinn, 7,3 Mio. DM Verlustvortrag: 7,6 Mio. DM.

1952
Gewinn:7,8 Mio. DM, Verlustvortrag: 0,2 Mio. DM

1953
TROSIFOL auf Basis Polyvinylbutyral wird als neues Produkt als Zwischenfolie für Verbundsicherheitsglas eingeführt.

16.12.1953
Die Alliierte Hohe Kommission teilt die vollkommene Entflechtung von der IG-Farbenindustrie mit. Die Dynamit Nobel AG wird aus der alliierten Kontrolle entlassen. Der Aufsichtsrat unter dem Vorsitzenden Carl Goetz bestimmt Herrn Dr. Ing. Franz Gajewski zum Vorsitzenden des Vorstands; zu weiteren Vorstandsmitgliedern werden Dr. Ernst R. Fischer, Franz Anton Gierlichs, Dipl.-Ing. Ferdinand Habbel und Dr. Paul Esselmann bestellt.

1953
Geschäftsbericht: Gewinnausschüttung - 3,7 Mio. DM auf 47 Mio. DM Aktienkapital. Die DAG stellt die firmeneigene Turnhalle an der Mülheimer Straße zur Unterbringung von Flüchtlingen aus dem Osten (bis 1955) zur Verfügung.

1954
Unter dem Markennamen MIPOLAM Elastikfenster wird ein  korrosionsschützender Überzug aus Weich-PVC über Metallprofile extrudiert, der zwei parallele Glasscheiben ohne Kitt fixieren kann, und für Fenster und Türen im Markt eingeführt.: Das erste Kunststofffenster der Welt! Später –ab Mitte der 60iger- wird schlagzäh-modifiziertes Hart-PVC verwendet unter dem Markennamen TROCAL.
Zusammen mit der Rheinisch-Westfälischen Stahlwerke AG wird auf Basis 50:50 die Dynarohr-Werk GmbH zur Herstellung und Vermarktung von Kunststoff-Rohren gegründet.
Geschäftsbericht 1954: Umsatz – 275 Mio. DM, Gewinn – 3,95 Mio. DM. 560 Mitarbeiter werden eingestellt.
Die Weltproduktion an Kunststoffen beträgt 2.4 Mio. t, die von Deutschland 0,34 Mio. t.
Als Hauptproduzenten in Deutschland gelten Bayer-Leverkusen, BASF-Ludwigshafen, die Farbwerke Hoechst, Wacker-Chemie, die Chemische Werke Albert, Wiesbaden und Dynamit Nobel AG.

1955
Die PVC-Anlage in Troisdorf wird voll ausgefahren. Der Astralon-Kalander wird in Betrieb genommen. Die Produktion von PVC- und PE-Rohren (Trolen) wird ausgeweitet. Eine Großanlage zur kontinuierlichen Herstellung von Mipolam-Bodenbelägen geht in Betrieb. Der Trolit-Betrieb steigert seine Produktion; ebenso die Vulkanfiber-, Knopf- und Nitrocellulose-Betriebe.
Die Gesamtproduktion Troisdorfer Kunststoffe (einschl. der in Troisdorf erzeugten chemischen Produkte) beträgt 47.000 t (1954:38.000 t). Die Gesamtzahl der in Troisdorf Beschäftigten beträgt 7236, davon sind 5777 Arbeiter und 1459 Angestellte.
Für die im Vorjahr eingeführte Betriebsrente wird den Berechtigten ein Rechtsanspruch gewährt. Der werkgeförderte Wohnungsbau wird mit 900.000 DM bezuschusst.
In der Sparte Kunststoffe in Troisdorf werden 4840 Personen, damit 45 % der Gesamtbelegschaft, beschäftigt.
Mit den Zuweisungen für den werknahen Wohnungsbau werden Wohnungen und Eigenheime am Ravensberger Weg, Agnesstraße in Oberlar und am Hohlstein in Spich (Hohlsteinstraße und Kiefernstraße) gefördert.
Die Kunststoffmesse Düsseldorf 1955 mit 220 Firmen der Kunststoffindustrie und 100 Firmen der Kunststoffmaschinen- und Werkzeugindustrie zeigt das große Zukunftspotenzial der Branche, das ab 1919 hauptsächlich in Troisdorf seinen Ausgang genommen hat. Die Kufa (Kunststoff-Fabrik) aus Troisdorf hatte einen beeindruckend großen Stand auf der K 1955 in Düsseldorf: Das Kunststoff-Warenhaus aus Troisdorf war ein echter Messebesuchermagnet.
Der Umsatz der Dynamit Nobel AG war um 10 % auf über 358 Mio. DM gestiegen, und der Gewinn wurde mit 5,4 Mio. DM angegeben.
Zu Ehren von Herrn Generaldirektor Dr. Fritz Gajewski wird zu seinem 70. Geburtstag die gleichnamige Stiftung zur Förderung des Begabten-Nachwuchses mit 150.000 DM Startkapital gegründet.

1956
Die Gesamtkunststoffproduktion beträgt 52.000 t. Schwerpunkte der Investitionen waren: PVC-Betrieb (Kapazitätsverdoppelung), Mipolambetrieb (drei Kalander für Astralon und Hartfolie und eine Anlage zur Herstellung von Fußbodenbelägen) ; Ultrapas und Celluloid wurden ebenso erweitert.
Das neue Verwaltungsgebäude an der Kaiserstraße/Kölner Straße wird am 2. Juni durch Dr. Fritz Gajewski  und Dr. Paul Esselmann in Dienst gestellt. Das Haus war zu dieser Zeit das erste Hochhaus im früheren Siegkreis und für die neue Stadt Troisdorf, die seit dem 23. März 1952 die Stadtrechte besaß.
Architekt für diese Verwaltungsgebäude war Herr Schaeffer-Heyrothsberge. Das Haus wurde seinerzeit im Bonner General-Anzeiger betitelt: DAG-Haus der schöpferischen Initiative.
Das Haus der Technik wurde bezogen. Das Gebäude für Verfahrens- und Anwendungstechnik wurde in Betrieb genommen. Die Werksbibliothek wurde eröffnet.
Unterkunfts- und Speiseräume in der Nähe der Produktionsstätten wurden errichtet. Der Wohnungsbau für Betriebsangehörige wurde stark mit 1,63 Mio. DM gefördert.
Die Arbeitsplatzzahl am Standort betrug 7537, zuzüglich 466 ausländische Arbeitnehmer und 239 fremde Leiharbeiter.
Umsatz: 316 Mio. DM, Reingewinn: 5,8 Mio. DM, Aktionärsausschüttung: 12 % auf 47 Mio. DM Aktienkapital.

1957
Nach dem Ausscheiden von Dr. Fritz Gajewski aus dem Aufsichtsrat übernahm Dr. Ernst Fischer kommissarisch den Vorsitz.
1957 war, aus rückwärtiger Betrachtung, das letzte Jahr des Auf- und Wiederaufbaus nach dem II. Weltkrieg und ein Höhepunkt der Nachkriegskonjunktur.
Die vorausgegangenen Kapazitätserweiterungen bei der Chlor-Alkali-Elektrolyse in Rheinfelden, in der PVC-Produktion und der von Press- und Spritzgussmassen in Troisdorf erlaubten eine Absatzsteigerung auf 60.000 jato Kunststoffe. Der Umsatz stieg auf 368 Mio. DM. Der Gewinn belief sich auf 5,83 Mio. DM. Die Zahl der Troisdorfer Beschäftigten betrug 7537 Personen und 391 ausländische Arbeitnehmer und 360 Leiharbeiter, insgesamt 8974 Personen im Werk Troisdorf.
Dr. Fischer berichtete in seiner Rückschau auf 1957: „Wir wissen, dass wir eine Firma sind, die in Deutschland und der Welt einen hervorragenden Ruf hat. Es ist eine Ehre, ihr anzuhören. Wir wissen, dass wir Mitarbeiter haben, die arbeiten und Leistung erbringen.“
Dr. Dieter Bührle, Zürich-Oerlikon, wurde stellv. Aufsichtsratsvorsitzender. Dipl.-Ing. Wilhelm Biedenkopf und Dipl.-Ing. Heinrich Schindler wurden zu stellvertretenden Vorstandsmitgliedern bestellt.

1958
Für dieses Jahr wurden die Problemstellung wie folgt beschrieben: Die rückläufige Weltkonjunktur machte sich bei der DAG auch in Troisdorf bemerkbar. Kostensteigerungen bei den Personalkosten aufgrund von Tariferhöhungen wurden teilweise durch Rationalisierungsmaßnahmen aufgefangen. Investitionen in einen Weichfolienkalander, Erweiterung der PVC-, Astralon- und Trovidur-Produktion. Der Knopfbetrieb wird am 21.12. 1958 stillgelegt. Das Wissenschaftliche Laboratorium war voll betriebsfähig. Der Troisdorfer Kunststoff-Pavillon, ganz aus Kunststoffteilen, inklusive der Innenausstattung, hergestellt, wird eröffnet; er dient Kunden und Besuchern zur Werbung und Information. Der Kauf der Chemischen Werke Witten GmbH (früher Imhausen-Werke) wurde vollzogen. Die Produktion von DMT (Dimethylterephthalat, Rohstoff für Polyester -PET = Polyethylenterephthalat- für Flaschen, Folien, Fasern) und das Herstellungs-Know-how dafür (Katzschmann-Verfahren = katalytische Luftoxidation von P-Xylol und gleichzeitige Veresterung mit Methanol) gingen 100%ig auf DAG über.
Der Gewinn belief sich auf 6,72 Mio. DM, die Aktionärsausschüttung auf 6,58 Mio. DM.

29.6.1958
Dr. Friedrich Flick übernimmt das Aktienpaket der Bührle-Gruppe, Zürich-Oerlikon, im Nominalwert von 47 Mio. DM (12 bis 13 % des Aktienkapitals). Er wird zum Aufsichtsratsvorsitzenden ernannt. Diese Aktivitäten von Dr. Friedrich Flick verfolgen das Ziel, industriell in den wachsenden Weltkunststoffmarkt einzusteigen. Flick sah mit seiner Beteiligung an dem Troisdorfer Kunststoffwerk eine wichtige Ergänzung seiner Feldmühle-Beteiligung (Papier, Zellstoff) und außerdem einen Einstieg in das weltweite Chemiegeschäft.
Der Aufsichtsrat bestellt Herrn Dr. Ernst R. Fischer zum Vorstandsvorsitzenden und ernennt die Herren Dipl.-Ing. Wilhelm Biedenkopf und  Heinrich Schindler zu Vorstandsmitgliedern. Die weiteren Mitglieder des Vorstands sind unverändert: Dr. Paul Esselmann, Franz Anton Gierlichs und Ferdinand Habbel.

1959
Die Feldmühle Papier- und Zellstoffwerke AG, bei der Friedrich Flick Großaktionär war, stockte ihren Kapitalanteil an DN AG auf über 25 % auf. Über seine AG für Kunststoffwerte erwarb er weitere Aktienpakete. Gegen Ende 1959 hielt Flick 82 % der Aktien, und er konnte im Rahmen des Umwandlungssteuergesetzes den restlichen Aktionären ein zwingendes Übernahmeangebot unterbreiten („squeeze out“). Flick bekräftigte in seiner Eigenschaft als Aufsichtsratsvorsitzender, dass sich am sozialen Status der Belegschaft nichts ändern werde, es sei denn zu ihrem Vorteil.

28.12 1959
Die AG für Kunststoffwerte übertrug ihr von 47 Mio. DM auf 96 Mio. DM aufgestocktes Kapital auf die neue Firma Dynamit Nobel Aktiengesellschaft – DN AG- mit Sitz in Troisdorf. Nun war der Weg frei für die industrielle Zusammenarbeit mit der Feldmühle AG, insbesondere mit deren Werk in Lülsdorf am Rhein. Dazu führte Dr. Fischer aus: „Wenn die Dynamit Nobel AG ihre Stellung auf diesem Markt (der Kunststoffverarbeitung) halten wolle, müsse sie eine ausreichende eigene Rohstoffbasis aufbauen. Daher sei die Verbindung mit der Feldmühle, die über das erforderliche Gelände (in Lülsdorf) verfügt, für das Unternehmen lebensnotwendig.“ So wurde eine Vinylchlorid-VC-Anlage in Lülsdorf und eine Kapazitätsaufstockung der PVC-Anlage in Troisdorf geplant.
Dynamit Nobel AG galt in dieser Zeit als Europas größter Kunststoffverarbeiter. Die Produktion der Kunststoff-Fabrik –KUFA- lag bei 71.000 t.

1960
In Ägypten wird die Fertigung von Ultrapas-Platten (dekorative Schichtstoffe) aufgenommen. Verkaufsbüros werden in Bremen, München, Nürnberg, Coburg, Hannover, Kassel und Saarbrücken eröffnet. Der 5-Walzenkalander in der Mipolam-Fabrik und die 16-Etagenpresse in der Vulkanfiberfabrik wurden in Betrieb genommen.
Die Produktion der KUFA lag bei 84.000 t, die Zahl der Beschäftigten stieg auf 9200 Personen. Vom Dynaplastik-Werk in Bergisch-Gladbach übernahm DN 50% des Stammkapitals und war damit an der Produktion von Rollladenprofilen beteiligt. Der Gewinn betrug 5,9 Mio. DM. Die Beteiligungen am Aktienkapital (96 Mio. DM) der DN waren: Feldmühle 67,6 %, 32,4 % Bührle (Oerlikon, Schweiz) und Flick, Düsseldorf.

1961
Direktor Dr. Ernst Becker, ein renommierter Fachmann der Kunststoffverarbeitung, berichtete in der Werkszeitschrift der Dynamit Nobel AG, Nr.1/1961:“ Die Kunststoffindustrie ist keine ganz junge Industrie. Schon im vorigen Jahrhundert gab es eine beachtenswerte Fabrikation von Kunststoffen auf der Basis von abgewandelten Naturstoffen. Es waren das Celluloid und Vulkanfiber mit Cellulose als Grundlage sowie Kunsthorn mit Milch-Casein als Grundstoff. Die Erzeugnisse dieser Industrie waren der Allgemeinheit vor allem in Form von Puppen, Kämmen, Koffern und Knöpfen bekannt. Seit den beiden Weltkriegen hat sich das alles grundlegend geändert. Es sind zahllose Kunststoffe hinzugekommen und auf Schritt und Tritt stößt man auf sie. Es gibt Fußböden, Telefonapparate, Radiogehäuse, Lampenschirme, Schalter, Dacheindeckungen, Karosserien, Wasser- und Abwasserrohre aus Kunststoff, um aus der Unzahl der Anwendungsmöglichkeiten nur einige wenige zu nennen. Es ist aber ein sehr weiter, mühevoller Weg, der von der Entdeckung eines Stoffes bis zu seiner Anwendung als Kunststoff führt. Es sei hier auf das interessante Beispiel des Polystyrols hingewiesen. Das monomere Styrol kommt u.a. im Leuchtgas vor und sein Polymerisationsprodukt, das Polystyrol, fiel nur dadurch unangenehm auf, dass es sich in Gasuhren festsetzen konnte und diese dadurch blockiert wurden. Heute werden monatlich viele Tonnen Polystyrol verarbeitet, überall sieht man Gegenstände, die aus ihm hergestellt sind. Um dieses Ziel zu erreichen, bedurfte es viel Schweiß und Mühe. Aber auf dem langen Weg bis heute wurde noch eine andere schwierige Klippe überwunden.
Seit dem 1. Weltkrieg war der Name Kunststoff vielfach mit dem Makel des Surrogates behaftet. Die Kunststoffe haben diesen Makel längst abgestreift, sie führen ihren Namen heute nach drei erfolgreichen Kunststoff-Messen mit Stolz; ja fast wird manchmal des Guten zu viel getan und man verlangt im „Jahrhundert der Kunststoffe“ von diesen Stoffen einfach alles. Die Troisdorfer Kunststoff-Fabrik hat für die Einführung und die Entwicklung der Kunststoffe sowohl in Deutschland wie in der Welt manche bahnbrechende Pionierarbeit geleistet, und wenn heute die Verwendung von Kunststoffen gewissermaßen Allgemeingut geworden ist, so ist das nicht immer so gewesen. Es gab Zeiten, in denen dieser oder jener Kunststoff erstmalig seinen Weg von Troisdorf zu den Verbrauchern antrat.
Von Troisdorf aus nahm also das Spritzgießen der Kunststoffe seinen Anfang. Heute ist daraus ein überaus bedeutender Industriezweig geworden, in dem die Acetylcellulose (Cellonex) einen zwar immer noch einen beachtlichen Anteil hat, prozentual aber nur noch einen kleinen Teil der gesamtem Spritzgussmassen überhaupt darstellt. Die bald angegliederte Tochtergesellschaft „Eckert & Ziegler“, Weißenburg/Bayern, die Spritzgussmaschinen herstellt, hat sich um die Entwicklung dieser Maschinen große Verdienste erworben und nimmt heute noch einen beachtlichen Platz ein.
Als die Herstellung des Polystyrols in technischem Maße gelungen war, als in Troisdorf die Eignung des Stoffes für Spritzgusszwecke erkannt war, galt es immer noch, große Schwierigkeiten zu überwinden. Der Spritzgussartikel wurde trüb und rissig, es gelang in Troisdorf, die Ursachen hierfür zu ermitteln und den Weg für den Siegeszug dieses Stoffes freizumachen.
Nach 1918 wurde auch das Pressen von Gegenständen aus Phenolharzpressmassen aufgenommen. Hier waren es insbesondere komplizierte Pressteile mit eingelegten Metallteilen, wie sie beispielsweise komplette Tischtelefonapparate darstellten, oder Großpressteile, wie die damals außerordentlich großen Radiogehäuse, mit denen Troisdorf bahnbrechend voranging. Im Zuge dieser Entwicklung waren aus dem Pressstoff Dynal ganze Karosserieteile und ähnlich große Teile für die Wehrmacht auf 5000-t-Pressen und noch größeren Pressen hergestellt. Dynamit Nobel hat als eine der ersten Firmen der Welt die Pressmasse Pollopas auf den Markt gebracht, die in die Pressartikel (aus Duroplasten) die farbige Note brachte, die damals nur den Spritzgussmassen (aus Thermoplasten) eigen war.
Es darf nicht vergessen werden, dass die ersten Folien in Troisdorf hergestellt wurden und dass die Kaschierung von Kunststoffen für Regenbekleidung und Faltboote in Troisdorf ihren Anfang gefunden hat.
Wenn heute die meisten Zuleitungen für elektrische Geräte mit weißen oder farbigen Weich-PVC umhüllt sind, so ist die erste Kabelmasse in Troisdorf entstanden, die wegen ihrer schweren Brennbarkeit rasch großen Anklang fand, nicht zuletzt auch für elektrische Zünder für den Bergbau.
Auch die Verarbeitung derartiger Kunststoffe auf Walzen, die über den Zersetzungspunkt erhitzt waren, wurde in Troisdorf erstmalig mit PVC-Mischpolymerisaten durchgeführt; sie ist aus der Technik des lösungsmittelfreien Pulvers entlehnt und wurde Vorbild für die Verarbeitung von PVC und vielen anderen Kunststoffen. Besonders zu nennen sind die in Troisdorf hergestellten Folien und Platten aus Mischpolymerisaten (Astralon), die eine vielseitige Verwendung fanden und nicht zuletzt für die Kartografie von, man kann fast sagen, umwälzender Bedeutung geworden sind. Schon damals begann man mit Tief- und Kaltziehen dieser Platten.
Auch bei der Herstellung von Schäumen aus Kunststoffen hat Troisdorf wesentliche Pionierarbeit geleistet (Trovipor aus Weich-PVC). Das gleiche gilt für die Verwendung von Weich-PVC für unzerbrechliche Vinyl-Schallplatten (Tromiphon, schwarze und -ab 1972- bunte Mischungen).
Zu den Troisdorfer Pionierarbeiten zählen die Arbeiten zur Verwendung von Kunststoffen (auf Basis Celluloid) für künstliche Gebisse, wenn sich auch später die Anwendung auf einen anderen Kunststoff verlagert hat, der nicht in Troisdorf fabriziert wird.
Interessant wind die ersten Versuche in Troisdorf zum Verblasen von Kunststoffen, eine Technik, die im Laufe der Zeit immer größere Bedeutung (u.a. für dünnwandige Verpackungsfolien) erlangt hat. Weich-PVC-Folien wurden auch für Dichtungen aller Art (auf dem Dach und im Boden) erstmalig verwendet.
Auch nach dem 2. Weltkrieg ist Troisdorf seiner Tradition, als Pionier auf dem Kunststoffgebiet zu wirken, treu geblieben.
Natürlich kann, wenn einmal ein gewisser Stand in der Anwendungstechnik erreicht ist, nicht jeden Tag etwas absolut Neues gefunden werden. Die Hauptarbeit besteht in tausenderlei Verbesserungen, die nach außen weniger in Erscheinung treten. Auch haben mittlerweile eine Vielzahl von Unternehmen die Verarbeitung von Kunststoffen aufgenommen, so dass auch deshalb die Entwicklung völlig neuer Gebiete immer schwieriger wird.
Aber auch heute steht Troisdorf in vorderster Front und auch in neuester Zeit kann es auf ausgesprochene Pionierarbeiten hinweisen. Es seien nur einige Gebiete erwähnt: Es gelang beispielsweise ein Astralon zu entwickeln, das mit Hilfe des neuen Vakuum-Tiefzieh-Verfahrens tiefgezogen werden kann. Und in mühevoller Arbeit wurde ein 100%ig geeignetes
Rohrmaterial aus schlagzähem Hart-PVC für die Frischwasserversorgung und für Abwässer geschaffen.
Pionierarbeit wurde auch für die Entwicklung eines gießfähigen Phenolharzschaumes für die verschiedensten Zwecke  von der Isolierung bis zum Blumensteckschaum) geleistet.“
Diese Leistungsbilanz des Fachmannes in Kunststofffragen ist ein beredtes Zeugnis für die Schicksalhaftigkeit und die Weltbedeutung des Kunststoff-Standortes („Welt-Hauptstadt der Kunststoffverarbeitung“) Troisdorf.
Über die geschäftliche Entwicklung in 1961 berichtete Generaldirektor Dr. Fischer:
die Beschäftigtenzahl erreichte 9005 Arbeiter und Angestellte in Troisdorf mit 149 ausländischen Mitarbeitern, zusätzlich 550 Leiharbeitskräfte,
das Unternehmen stellte 1,7 Mio. DM für den Wohnungsbau ihrer Beschäftigten bereit.
Es wurden 90.000 t Waren hergestellt (+7%)
Der Gesamtumsatz ging zurück
Der PVC-Betrieb in Troisdorf wurde vergrößert. Für den Transport des Vinylchlorids wurde in Lülsdorf eine Abfüllanlage vom Schiff auf Tankwagen in Betrieb genommen.
mit dem Bau des Dynarohr-Werks an der Mülheimer Straße wurde begonnen.
die neue Arztabteilung wurde ihrer Bestimmung übergeben,
das Sozialgebäude an der Kaiserstraße  (Kasino) und die Anwendungstechnische Abteilung sind als Neubauten begonnen worden.
Dr. Fischer  betonte die zunehmende Verschärfung des Wettbewerbs mit zunehmenden Importdruck und den Rückgang der Zuwachsraten, was zu teilweisen Rücknahmen der Verkaufspreise für einige Produkte führte. Der Phenolbetrieb wird wegen fehlender Rentabilität geschlossen.

1962
Zum 1. Januar wurde der Beschäftigungsvertrag für das Werk Lülsdorf der Feldmühle Papier- und Zellstoffwerke AG, Düsseldorf, durch ein Pachtverhältnis mit Dynamit Nobel AG ersetzt. Jetzt wurde in der VC-Anlage in Lülsdorf auf Basis Acetylen Vinylchlorid -VC- hergestellt mit eigenem Chlor aus der Elektrolyse von Steinsalz aus Rheinfelden. Das VC wurde in Druckkesselwegen auf dem Schienennetz der Kleinbahn Troisdorf oder per Tanklastwagen nach Troisdorf zur Polymerisation in der PVC-Anlage transportiert.
Auf Messen werden die Produkte aus Troisdorf beworben: Astralon, Mipofix, Libradur, Librafol, Trovitherm, Mipolam-Weichfolien, Mipolam-Bodenbeläge, Mipolam-Möbelprofile, Mipolette-Dekofolien, Mipofix-Klebefolien, Tronex- und Tronette-Lichtbahnen aus transparenten glasfaserverstärkten Polyesterbahnen mit Wellenstruktur, Ultrapas-Dekor-Platten.

29.9.1962
Die Produktionsanlagen des Dynarohr-Werks in Mülheim wird an den ehemaligen Sportplatz in Oberlar am Ostrand von Spich an der Mülheimer Straße verlegt. An Dynarohr waren zu je 50 % die Rheinischen Stahlwerke und Dynamit Nobel AG beteiligt. Die Beteiligung der Rheinischen Stahlwerke wurde in freundschaftlichem Einvernehmen von Dynamit Nobel AG übernommen.
Mit der Feldmühle Aktiengesellschaft wurde ein Organschaftsvertrag, einschließlich Gewinn- und Verlustübernahmevertrag geschlossen.
Auf dem Kunststoffgebiet hat sich die in den Vorjahren festgestellte rückläufige Preisentwicklung auch in 1962 fortgesetzt. Auch wurden einige Kunststoffprodukte durch die technische Entwicklung am Markt überholt. Die Mittel für Forschung und Entwicklung wurden wiederum erhöht.
Am 31.12 1962 betrug die Mitarbeiterzahl in Troisdorf (Züfa und Kufa) 8852 Personen. Der Gewinn belief sich auf 12,3 Mio. DM, der an die Feldmühle abgeführt wurde.

1963
Im Kunststoffgebiet lag die erfreuliche mengenmäßige Umsatzsteigerung infolge der überwiegend rückläufigen Erlöse wieder über der wertmäßigen Steigerung. Der Umsatz auf dem Gebiet der härtbaren Harze und Pressmassen stagnierte oder war gar rückläufig; es wuchsen die Umsätze mit Erzeugnissen auf Basis thermoplastischer Massen. Der Schwerpunkt der Investitionen wurde auf diese Gebiet gelegt.
Beträchtliche Mittel wurden für die Entwicklung neuer Produkte und für die Erschließung neuer Anwendungsgebiete für Kunststoffe und Kunststofferzeugnisse aufgewendet.
Der Umsatz des Dynarohr-Werks war gegenüber dem Vorjahr gestiegen, die Erlöse waren hingegen unzureichend, so dass die Ergebnisse trotz beachtlicher Rationalisierungserfolge nicht befriedigend waren.
Bei den Chemischen Erzeugnissen stieg der mengen- und wertmäßige Umsatz und der Anteil am Gesamtumsatz an.
Die Jahresproduktion der Kufa betrug 100.000 t. Es ergab sich ein Umsatzrückgang von 628 Mio. DM in 1962 auf 622 Mio. DM in 1963. Der erwirtschaftete Überschuss betrug 20,1 Mio. DM.
Auf der K 63 in Düsseldorf wurden als Neuheiten vorgestellt: TROVIDUR HT, DYNAZELL, ULTRAPAS-C-C-Collection, TROLITUL AN 4, TROGAMID T, DYNAPLAN-Folien, TROCAL-Dachrinnen, TROVIDUR-Platten, TROVIDUR-Tanks, TRONETTE-Dachbahnen.
Allgemein wurde ein Arbeitskräftemangel in Deutschland diagnostiziert, der auch nicht ausländische Mitarbeiter ausgeglichen werden könne. Dies würde zu Störungen des Marktes führen.

1964
Am 1. Februar trat Direktor Dr. Fischer aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand. Als sein Nachfolger wurde der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende Dr. Herbert Rohrer bestellt. Er war zur gleichen Zeit Generalbevollmächtigter der Friedrich Flick AG. Dr. Werner Kneip, der frühere Geschäftsführer der Chemischen Werke Witten GmbH, wurde als ordentliches Vorstandsmitglied berufen.
Im Geschäftsbericht wurde für 1964 eine weitere Umsatzsteigerung bei den Kunststoffen von 13,1 % und bei den Chemikalien um 11,3 %. Die Ergebnisse waren durch Rationalisierungsmaßnahmen und gute Kapazitätsauslastung bei ungünstiger Kostenentwicklung und stark gestiegenen Personalkosten zustande gekommen.
Die VC-Synthese wird -weg von Acetylen- auf Ethylen umgestellt. Ethylen wird durch einen Düker (Rohrleitungssystem unter Wasserflächen) unterhalb des Rheins von der gegenüberliegenden Raffinerie Wesseling geliefert. Damit war die Synthese auf petrochemische Grundstoffe umgestellt.
Der Jahresgewinn wurde mit 24,6 Mio. DM ausgewiesen, wovon 8,5 Mio. DM in die Rücklagen fließen.