Daten zur Geschichte der Dynamit Nobel AG,

Hüls Troisdorf AG und HT TROPLAST AG in Troisdorf

Teil IV, 1964 – 1987


Zum Jahresbeginn 1965 wurde Herr Dr.-Ing. Werner Kneip (Lackchemiker, Jahrgang 1911) Vorstandsvorsitzender der Dynamit Nobel AG. Er trat die Nachfolge von Herrn Dr. Herbert Rohrer an. Bei seiner Jubilarfeier am 16. Januar 1965 berichtete Rohrer über das Unternehmen: Das Rechnungsjahr 1964 könne man als gut bezeichnen; der Umsatz belief sich auf 963 Mio DM, die Mitarbeiterzahl betrug 20.000. Es würden 60 Mio DM als Basis für weitere Entwicklungen investiert. Er kündigte ein umfangreiches Untersuchungsprogramm über die Fabrikationsweise, das Chemie- und Kunststoffprogramm und die Verwaltungsorganisation an. Dazu nahm er in der Werkszeitschrift 2 /1965 wie folgt Stellung:
„Schließlich ist bei vielen unserer Produkte - vor allem im Kunststoffbereich-, die wir als unser ureigenstes Arbeitsgebiet anzusehen gewohnt waren, ein lebhaftes Vordringen anderer Hersteller zu beobachten. Dies beruht nicht nur auf der Tatsache, dass manche technische Entwicklungen nunmehr allgemein zugänglich geworden sind, sondern auch darauf, dass vielfach schon mit einem relativ geringen finanziellen Aufwand eine Herstellung aufgenommen werden kann. Die weiterschreitende Entwicklung ermöglicht es heute Hunderten von kleineren Unternehmen, ein Fülle von Kunststoff-Halbzeugen und Fertigartikeln herzustellen und auf dem Markt abzusetzen. Obgleich Dynamit Nobel als Gesamtunternehmen eine große Gesellschaft ist, liegt sie in diesem außerordentlich wichtigen Geschäftszweig im Wettbewerb mit vielen kleinen Firmen, die erheblich niedrigere Verwaltungskosten und Soziallasten zu tragen haben und sehr rasch und billig den Wünschen der Abnehmer folgen können.
Alle diese Feststellungen und die daraus abzuleitenden Wechselwirkungen führten zu der Erkenntnis, dass es sich für unsere Gesellschaft um ein grundsätzliches Problem handelt. Vor allem kamen wir zu der Ansicht, dass die gegenwärtige Organisationsform für Dynamit Nobel, die aus der Zeit der Zugehörigkeit zur I.G.-Farbenindustrie stammt und lediglich entsprechend der jeweiligen Ausweitung der des Geschäftsumfangs modifiziert wurde, bei der grundlegenden Wandlung der Wirtschaftsstruktur und bei der außerordentlichen Verbreiterung unseres Produktionsprogramms nicht mehr länger geeignet sei, zukünftigen Aufgaben optimal zu entsprechen. Unser Problem ist allerdings keineswegs neuartig, denn verschiedene bedeutende ausländische Gesellschaften, vor allem in den USA, sind bei ihren Unternehmungen zu ähnlichen Schlussfolgerungen gekommen.“

Die zukünftige Organisation sah nach McKinsey dann folgende drei Sparten vor: Sprengmittel
Kunststoffe
Chemikalien

und zwei Ressorts
Finanzen und Verwaltung
Forschung und Technik

Jede Organisationseinheit wurde von einem Vorstandsmitglied geleitet. Von den Änderungen versprach man sich eine Delegation von Verantwortung auf untere Ebenen und die Heranbildung von Führungskräften aus den eigenen Reihen. Entscheidend sollte aber die Stellung am Markt und die Eroberung neuer Märkte sein, weil man den kleineren Unternehmen, die sich jeweils nur auf einige wenige Massenartikel aus Kunststoff konzentrierten, Konkurrenz bieten wollte.

In der Hauptversammlung am 2.Juni 1965 wurden die Vorschläge der McKinsey-Beratungsgesellschaft angenommen und die so genannten Sparten und Ressorts mit Vorstandsmitgliedern besetzt. Für den ausscheidenden Vorsitzenden Dr. Herbert Rohrer wurde der Werkleiter der Chemischen Werke Witten, Dr. Werner Kneip, zum Vorsitzenden des Vorstands ernannt; Dr. Rohrer trat in den Aufsichtsrat ein und wurde wieder Stellvertreter von Dr. Flick als Aufsichtsratvorsitzender.Vorstandsmitglieder waren jetzt:

Sparte Kunststoffe:    Dr. Wolfgang Kind (bis 30.9.1965), Dr. Folkert Bellstedt (ab 1.10.1965)
Sparte Chemikalien:    Dr. Kurt Eisfeld
Sparte Sprengmittel:    Dr.-Ing. Heinrich Schindler (bis 31.12.1965), Dr. Alfred Rennert
Ressort Finanzen und Verwaltung:    Franz Anton Gierlichs
Ressort Forschung und Technik:    Dipl.-Ing. Wilhelm Biedenkopf

Der Kunststoff- und Chemiebereich stellte sich der Konkurrenz auf 10 Messen und Ausstellungen im In-und Ausland.Um den Schweizer Markt besser betreiben zu können, gründete DN mit ihrem Hauptabnehmer, der Fa. Theodor Baumann + Co., eine Beteiligungs-AG unter dem Namen Nobel Chemie AG mit Sitz in Zürich. Neben den bisherigen Troisdorfer Spritzguss- und Pressmassen sowie den Halbfabrikaten Trolit, Trolitul, Trolitan, Trolitax und Trolon wurde jetzt das gesamte Spektrum der Kunststoff-Herstellungspalette in der Schweiz vertrieben.Ähnlich ordnete DN seine Geschäfte in Österreich neu. Die frühere Vendidtor-Kunststoffverkaufsgesellschaft war nach Ende des Krieges untergegangen und die frühere Vorgängerfirma Hugo Kerbeler hatte ab 1945 wieder die Troisdorfer Vertretung übernommen. DN gründete zum 1.1.1964 die NOBEL-CHEMIE-Verkaufsgesellschaft mbH, die dann am 1.10.1964 wieder den alten Namen VENDITOR-Kunststoffe annahm und alle Qualitätsprodukte der Chemie- und Kunststoffsparte auf dem österreichischen Markt anbot.Mit diesen organisatorischen Änderungen konnte man in das Jubiläumsjahr 1965 einsteigen, das am 21. Juni begann. Es war das Datum der Gründung der Alfred Nobel + Co. in Hamburg 1865 durch den Dynamit-Erfinder Alfred Nobel aus Schweden. Bei den Jubiläumsfeierlichkeiten am 19.6.1965 und in den Publikationen des Vorstands hierzu wurden auch die Erstherstellung des Celluloids am 4.3.1905 in Troisdorf und die Weiterentwicklung  der Troisdorfer Kunststoffe angemessen gewürdigt. Die Jubiläumsschrift als Ausgabe der Werkszeitschrift Juni 1965, Nr. 3, schilderte eindrucksvoll in Wort und Bild die Bedeutung der Kunststoffe für den Erfolg des Unternehmens. Für den Kunststoffbereich schreibt der Autor u.a. folgendes:

„Die vorrangige Produktion von PVC-Erzeugnissen hat jedoch keineswegs zur Folge gehabt, dass die Entwicklung bei den anderen hergestellten Kunststoffen vernachlässigt worden wäre. Die zum Teil schon traditionellen Fertigungen auf dem Gebiet der Cellulosederivate (z.B. Vulkanfiber, Celluloid, Cellon) und der duroplastischen Pressmassen (z.B. Pollopas, Ultrapas) wurden weiter ausgebaut und die Fertigung von vielen anderen Kunststofferzeugnissen auf verschiedener stofflicher Grundlage wurde neu aufgenommen.Wie umfangreich und bedeutsam das Dynamit-Nobel-Kunststoffprogramm heute ist, lässt sich am besten an der Tatsache ermessen, dass es kaum ein Einsatzgebiet gibt, auf dem nicht Kunststoffe aus Troisdorf Verwendung finden. Es lassen sich acht Anwendungsgebiete unterscheiden, für die Dynamit Nobel jeweils zahlreiche, verschiedenen Kunststoffprodukte anbietet: das Bauwesen, die Elektrotechnik, der chemische Apparatbau, der Maschinenbau, das  Verkehrswesen, die Druck- und Zeichentechnik, das Verspackungswesen und der Möbelbau.Dass das Bauwesen als bedeutendstes Einsatzgebiet für Dynamit Nobel Kunststoffe an erster Stelle steht, ist kein Zufall. In diesem Sektor gehen die meisten PVC-Produkte. Auf dem Gebiet des Bauwesens liegen außerdem die größten Anwendungschancen für die Kunststoffe überhaupt. Somit wird verständlich, dass die Dynamit Nobel in der Sparte Kunststoffe einem logisch vorgezeichneten Wege folgt, wenn es in zunehmendem Masse die Herstellung von PVC-Produkten forciert und gleichzeitig der Verwendung von Kunststoffen im Bauwesen größte Aufmerksamkeit widmet.“

Bei der alljährlichen Jubilarfeier am 14.1.1966 stellte sich Dr. Werner Kneip als neuer Vorstandsvorsitzender den anwesenden Betriebsangehörigen vor. In seiner Rede ging er auf zwei bedeutsame Ereignisse ein,

1. auf das Erreichen der ersten Umsatzmilliarde (1064 Mio DM + 8,5 %) 1965 und
2. auf den Erwerb der Aktienmehrheit der Vereinigte Jute-Spinnereien und -Webereien AG, Bonn-Beuel und Fulda, die hauptsächlich Bodenbeläge herstellte.

Kneip betonte außerdem, dass im Zuge der Sortimentsbereinigung unrentable Produktionen aufgegeben worden seien und die Kunststoffmaschinen-Fabrik Eckert und Ziegler in Weißenburg/Bayern verkauft wurde. Diese Maßnahmen sollen auch in Zukunft ohne Rücksicht auf eine Umsatzoptik fortgesetzt werden. Er beschrieb dann sehr ausführlich die neue Organisationsstruktur mit den drei Sparten und zwei Ressorts, unter deren Leitungen Hauptabteilungen, z.B. für Produktion, für Forschung und Entwicklung, für Vertrieb, für Personal, für Betrieb, Rechnungs- und Finanzwesen, Einkauf und Information eingerichtet wurden. Dr. Kneip formulierte dann im Einzelnen die Aufgaben der Firma und seine Zukunftsvorstellungen für eine erfolgreiche Unternehmenspolitik. Zur Kunststoffverarbeitung und zu den Kunststoff-Rohstoffen führte er dann noch im Einzelnen aus:

„Auf dem Gebiet der Kunststoffverarbeitung, auf dem wir dank mancher technischer Erstleistungen einen guten und bekannten Namen haben, liegen die Aufgaben der Zukunft vor allem auf der Marktseite. Unsere führende Stellung auf dem Kunststoffsektor beruht vor allem auf der Breite unseres Angebots und auf unserem Gesamtumsatz und leider weniger auf bedeutenden Marktanteilen bei den vielen einzelnen Produkten, die wir herstellen. Wir werden deshalb unser besonderes Augenmerk darauf richten müssen, den Kunststoffmarkt, der besonders schnellen und starken Veränderungen ausgesetzt ist, sorgfältiger als bisher zu untersuchen und eingehende Überlegungen darüber anzustellen, wo wir uns am besten in die Befriedigung der wachsenden Bedürfnisse einschalten sollten, damit wir das dann auch mit unserer ganzen Energie tun können.Während wir auf dem Sprengstoffsektor der größte deutsche Hersteller sind und eine führende Stellung auch auf dem gebiet der Kunststoffverarbeitung innehaben, stehen wir auf dem Chemikaliengebiet im Wettbewerb mit den größten Unternehmen der Welt, die ungeheure Summen für Forschung und Anlagen mobilisieren können. Es wird demnach vor allem an der Auswahl der von uns in Zukunft zu bearbeitenden Themen liegen, ob wir in 5 oder 10 und 20 Jahren wenigstens auf bestimmten Gebieten eine Marktstellung erwerben können, die uns auch von den ganz Großen der Chemie nicht streitig gemacht werden kann. Auf diese Weise müssen wir langsam unser eigenes Bild in der chemischen Industrie formen, das bisher im wesentlichen von den Programmen der erst in den letzten anderthalb Jahrzehnten zu uns gekommenen Werken Rheinfelden, Lülsdorf und Witten bestimmt wurde.Sie sehen also, dass unsere Spartenleiter große Aufgaben haben werden, für die sie eine schlagkräftige und verantwortlich arbeitende Organisation haben müssen. Die Spartenleiter werden dabei in der Zukunft dem Gesamtunternehmen nicht mehr von der Funktion her verantwortlich sein, sondern als Wesensgehalt unseres neuen Organisationsprinzips wird eine Ergebnisverantwortung bei jeden Spartenleiter bestehen, die das gesamte Geschäft der Sparte umfassen wird.Dr. Kneip schloss seinen Vortrag wie folgt:„Ich habe Ihnen nun im wesentlichen von den wichtigsten organisatorischen Entscheidungen des letzten Jahres berichtet und Ihnen damit gezeigt, welche Aufgaben auf uns in der Zukunft warten werden. Dass wir aber über den Grundsatzentscheidungen das Tagesgeschäft nicht vernachlässigt haben, zeigt am besten der Anstieg unseres Umsatzes im letzten Jahr.“

Für die Sparten Chemikalien und Kunststoffe teilte der Geschäftsbericht für 1965 dann mit, dass die Geschäfte bei „Chemikalien“ erfreulich waren, sie litten aber bei der Sparte „Kunststoffe“ unter dem allgemeinen Preisverfall trotz hoher Expansion und waren bei den Sprengmitteln mehr als schwierig. Der größte Investitionsbetrag fiel auf die Vinylchlorid-Anlage (Vorprodukt für die PVC-Produktion)  im Werk Feldmühle Lülsdorf.  Eine starke Ausweitung erfuhr auch das Werk Witten für die Dimethylterephthalat-DMT-Produktion (Vorprodukt für die Polyester-Herstellung). So fiel auch der Geschäftsgewinn für 1965 mit 24,6 Mio DM geringfügig unter dem von 1964 (25 Mio DM) aus.  Im Jubiläumsjahr 1965 waren einige grundlegende Voraussetzungen für die Weiterentwicklung der Firma und für die Verfolgung ehrgeiziger Ziele geschaffen worden, so durch

  • die neue Organisationsstruktur mit 3 Sparten und 2 Ressorts,
  • die Übernahme der Vereinigten Jute-Spinnereien und  -Webereien AG zur Verbreiterung des Produktprogramms bei den Bodenbelägen,
  • den Verkauf der Kunststoffmaschinen-Fabrik Eckert und Ziegler im Zusammenhang mit der Sortimentsbereinigung unrentabler Fertigungen,
  • die Umstellung der Rohstoffgrundlage auf petrochemische Rohstoffe (Ethylen) für die Herstellung von Vinylchlorid in Lülsdorf (vorher via Acetylen aus Carbid in Rheinfelden),
  • den weiteren Ausbau des Werkes Witten zu einem Chemiestandort und damit die Patentverwertung für DMT (Dimethylterephthalat nach dem „Katzschmann-Verfahren“, das Patent wurde 1958 von Dynamit Nobel AG erworben) als Vorprodukt für Polyesterfasern wie z.B. Trevira oder Diolen,
  • Marktbereinigung überholter Kunststoffprodukte und die Bereitstellung neuer Kunststofferzeugnisse wie z.B. ASTRALIT für Dekorationszwecke (Weihnachtsbaumfolie) und die MIPOLAM-Gitterfolie für den Lufthallenbau.

1966 kam es zu einem Einbruch auf dem Kunststoffsektor. Den Einbruch führt der Geschäftsbericht auf die anhaltende Marktschwäche der deutschen Wirtschaft zurück. Besonders betroffen waren die Halb- und Fertigprodukte für Kraftfahrzeuge, Rundfunk- und Fernsehgeräte sowie viele andere Elektroartikel (TROLITAX). Sogar die ansonsten absatzstarken Kunststoffbodenbeläge, die Kunststoffrohre, die Kunststoffrolläden, Platten und Folien aus Trovidur und Astralon und die neuen Dachabdichtungsfolien mussten Einbußen hinnehmen. Nur die PVC-Weichschaum-Produktion TROVIPOR hatte eine Kapazitätsausweitung erfahren. Bei einigen Produkten trat wegen des Marktdrucks ein deutlicher Preisverfall ein. All diese Einbußen veranlassten den Vorstand, den Vertriebsapparat neu zu gliedern, um damit am Markt schlagkräftiger zu werden.Im Jahresabschluss 1966 des Gesamtunternehmens wirkten sich die Veränderungen in der Gewinn- und Verlustrechnung nicht negativ aus. Die Chemiesparte war wegen ihrer forcierten Ausweitung kräftig gewachsen; sie glich die Verluste in der Kunststoff- und Sprengmittel-Sparte fast aus. Damit kam man dem ehrgeizigen Ziel näher, im Kreis der IG-Nachfolger aus der Nachkriegszeit mit der eigenen Chemieentwicklung Schritt zu halten. Die vier Chemiewerke Lülsdorf, Witten, Rheinfelden und die Troisdorfer Kunststoff-Rohstoff-Fabrik (Kurofa) waren gut beschäftigt. Der Jahresüberschuss des Konzerns wurde mit 20,5 Mio DM ausgewiesen.So hatten sich die Umsatzschwerpunkte von Jahr zu Jahr verändert mit der Tendenz einer deutlichen Hinwendung zum Chemiegeschäft im Gesamtgeschäft der Dynamit Nobel AG. Damit einherging auch ein Nachteil für den Standort Troisdorf, denn hier war kaum ein eigenständiges Chemiewerk in der Größe des von Lülsdorf oder Witten möglich. Gleichzeitig wurde das breite Angebot von Kunststoffartikeln, made in Troisdorf, langsam verringert, weil man mit den kleineren mittelständischen Erzeugern auch preislich nicht mithalten konnte. Ziel der Unternehmenspolitik war die Hinwendung zu zukunftsfähigen und ertragsstarken Kunststoffprodukten, die strukturell starke und stabile Märkte bedienen sollten.

In 1967 ließ die Chemikaliensparte, nach Investitionen in 1966 in Höhe von 72 Mio DM, zur stärksten Säule der Dynamit Nobel AG werden; ihr Umsatz betrug ca. 400 Mio DM. Besonders die DMT-Anlage in Witten und die VC-Anlage in Lülsdorf trugen zu diesen Verbesserungen bei. Die Produkte wurden größtenteils an weiterverarbeitende Betriebe im In- und Ausland verkauft; kaum die Hälfte des Ausstoßes der VC-Anlage in Lülsdorf wurde für die Eigenpolymerisation zur PVC-Herstellung in Troisdorf benötigt. Die Kunststoffproduktion in Troisdorf war im Jahr 1967 rückläufig. Nur die MIPOLAM-Bodenbeläge zeigten Wachstum. Die Kurofa in Troisdorf musste herbe Rückschläge hinnehmen, sie konnte für 1967 keinen Gewinn vorweisen.Der Konzern wies für 1967 einen Gesamtgewinn von nur 8,4 Mio DM aus, der über die Feldmühle AG an die Friedrick Flick KG abgeführt wurde. Dieser geringer ausgefallene Gewinn wurde insbesondere auf die Erhöhung der Personalkosten (Höherer Aufwand bei F+E, tarifliche Steigerungen, Kauf der neuen EDV-Anlage und neue Mitarbeiter im Verkauf) zurückgeführt. Deshalb hatte sich der Personalaufwand –trotz 2000 MA weniger- seit 1965 um einige Millionen DM erhöht. Dr. Kneip kündigte für das kommende Jahr Rationalisierungsmaßnahmen an, um die Wirtschaftlichkeit der Einzelbetriebe, hauptsächlich durch höhere Pro-Kopf-Umsätze, zu erhöhen.Auf der Hannover-Messe wurden 1967 folgende TROCAL-Produkte herausgestellt: Dachrinnen, Dachfolien, Dachschindeln, Handläufe, Wasserbeckenfolien, Fensterprofile und auf der Frankfurter Herbstmesse besonders MIPOLAM-Bodenbeläge.Anfang 1969 konnte Dr. Kneip für die Chemikaliensparte ein Umsatzplus von 12 % und für die Kunststoffsparte von 11 % in 1968 verkünden, wobei der Chemikalienumsatz mit 42,5 % a,7 Mio DM) m Gesamtumsatz beteiligt war. Auch der Gewinn (1968: 21 Mio. DM) hatte sich positiv entwickelt und die Chemikaliensparte trug 43 % , die Kunststoffsparte mit 30 %, hierzu bei. Auch für 1969 wies der Geschäftsbericht Umsatzsteigerungen aus. Der Gesamtumsatz war auf 1.115 Mio. DM, mithin um 10 %, gestiegen. 75 % wurden im Inland und 25 % im Ausland abgesetzt. Die Sortimentsbereinigung und damit verbundene Umstrukturierungen in der Kunststoffsparte hielten an. Die Beschäftigtenzahl erhöhte sich von 1968 auf 1969 um etwa 900 Personen auf 20.123 Ende 1969. Gute Beschäftigungslagen wurden MIPOLAM-Bodenbeläge in Troisdorf, die Teppichbodenfertigung in Bad Hersfeld, die TROCAL-Erzeugnisse bei Folien und Fensterprofilen (Troisdorf), TROVIDUR-Halbzeugen, Astralontafeln und TROVIPOR-Schaumstoff (alle Troisdorf) vermeldet. Dr. Kneip führt anlässlich der Jubilarfeier am 9.1.1970 als Rückblick auf den Standort Troisdorf aus:

„Wir haben hier im bereich Troisdorf für die nächste Zeit glücklicherweise keine großen und spektakulären Veränderungen zu erwarten. Projekte für die nächste Aufsichtsratsitzung betreffen Erweiterungen in den drei Werken und auch bei einigen Ressortstellen…Wenn wir noch eine längere Zeit wachsen wollen, müssen wir aus dem gegebenen Raum höhere Produktionsleistungen herausholen, und das geht nur, indem man größere Einheiten erstellt….Hier komme ich auf das Thema, das mir eine ganze Menge Sorgen macht, nämlich das Verhältnis der Umwelt zu den großen Industriebetrieben im Allgemeinen und zu den großen Betrieben der chemischen Industrie im Besonderen. Viele von Ihnen werden gelesen haben, dass vor einigen Wochen ein sehr bedeutendes Unternehmen hier im Raum geäußert hat, dass man ernsthaft darüber nachdenken müsse, ob man die Produktion an diesem Standort aufrechterhalten könne, weil die Umwelt außerhalb der Fabrik sich gegenüber den Notwendigkeiten des Unternehmens in einer Art und Weise verständnislos zeige, die an Feindseligkeit grenze.Wir hier in diesem Unternehmen können für uns in Anspruch nehmen, in einer 100-jährigen Tradition im Umgang mit äußerst gefährlichen Substanzen Sorgfaltspflichtigkeit zu beachten gelernt zu haben….. Wir wenden auch Millionenbeträge Jahr für Jahr auf, um Einflüsse auf unsere Nachbarschaft, sei es nun durch Geräusche, durch Gerüche, Stäube und ähnliche Dinge, abzuwenden. Wir sind ehrlich bemüht, gute Nachbarn zu sein, und würden uns freuen, wenn man das etwas mehr anerkennen würde, als es gelegentlich der Fall ist. Und ich möchte gerade Sie als langjährige Mitarbeiter des Unternehmens bitten, in privaten Gesprächen mitzuteilen, dass diese Verständlichkeit gegenüber den Notwendigkeiten eines großen Industrieunternehmens etwas abgebaut wird.“

Für 1969 wurden 12,3 Mio. DM über die Feldmühle AG an die Friedrich Flick KG abgeführt.1970 war durch abgeflachte Umsatzzuwächse, stagnieren und teilweise rückläufige Preise und Rohstoffkostenzuwächse geprägt. Die Beschäftigtenzahl wurde um 828 Personen auf 19.295 reduziert. Die Chemikaliensparte war auch 1970 der größte Umsatzbringer, wobei die Wertschöpfungen hauptsächlich in den Werken Witten, Lülsdorf und Rheinfelden erbracht wurden. Lediglich der Kunststoffrohstoffbetrieb in Troisdorf mit den duroplastischen Pressmassen sowie den thermoplastischen Spritzguss-, Strangpress- und Blasmassen verzeichnete Zuwächse. Der neue Kunststoff „TROGAMID“ wurde von Technikum in die Produktion in Witten überführt. Bei der Kunststoffsparte sind im Geschäftsbericht für 1970 ausreichende Produktions- und Beschäftigungszahlen ausgewiesen so. z. B für die Produkte für das Bauwesen wie TROCAL-Dachfolien, Abdichtungsfolien, Isolierfolien, Regenwasserrinnen sowie Fensterprofile, die MIPOLAM-Bodenbeläge und Teppichböden, die TROVIDUR-, ASTALON- und Vulkanfiber-Erzeugnisse. Auch die Fertigungen für die Schichtpresstoffe TROLITAX, die PVC-Feinfolie TROVILON und den TROVIPOR-Schaumstoff waren teilweise gut bis ausreichend beschäftigt. Für 1970 wurde ein Gewinn von 4,3 Mio. DM bei einem Aktienkapital von 110 Mio. DM ausgewiesen. Zum Jahresende wurde das bisher von der Feldmühle AG gepachtete Werk Lülsdorf von DN gekauft.Besondere Ereignisse waren:

  • Robert G. Layton wurde als neuer Leiter der Sparte Kunststoffe Mitglied des Vorstands der Dynamit Nobel AG
  • TROGAMID wird bei Kunden zur Herstellung von Knirps- Regenschirmen eingesetzt
  • Markteinführung der TROMIPHON-Pressmasse für popbunte Vinyl- Schallplatten
  • Einführung der TROVIDUR-Spiralrohre, hergestellt im Wickelverfahren
  • Auszeichnung von Dipl.-Ing. Wilhelm Biedenkopf mit der DECHEMA-Medaille.
  • Enthüllung der Dynamit-Nobel-Werbung am neuen Bahnhof Troisdorf.
  • Einführung des neuen Halbzeugs DYPOR für die Verwendung als Schuhinnenfutter (Kunstleder)

Auch die Jahre 1971 bis 1974 waren Jahre des Aufschwungs und der Expansion der Dynamit Nobel AG:

 

1971

1972

1973

1974

Umsatzsteigerung

9,0 %

8,2%

13,5%

25,3%

Abgeführter Gewinn - Mio. DM

6,1

8,4

10,9

10,9

Beschäftigte

19.201

17.441

17.611

17.255

In 1971 war die Kunststoffsparte von der abgeschwächten Konjunktur betroffen und musste sich dem nachlassenden verbrauch anpassen, insbesondere in der Produktion der TROCAL-Bauprodukte. MIPOLAM- Bodenbeläge bleiben auf Vorjahresniveau, textile Bodenbeläge verzeichneten einen starken Anstieg. Zurückhaltend war die Auftragslage bei den TROVIDUR- und ASTRALON-Halbzeugen und bei Profilen, Platten und Folien. Die Betriebe der technischen TROLITAX-Schichtpresstoffe und Hartpapier-Laminate, die für die TROVIPOR-Schäume und die TROSIFOL-Sicherheitsfolie waren zufrieden stellend beschäftigt. Der Cellonex/Celluloidbetrieb der seit 1905 Celluloid herstellte, wurde wegen zu geringem Umsatz geschlossen. Der Vulkanfiberbetrieb war unterbeschäftigt. Dr. Kneip fasste die Ergebnisse bei der Jubilarfeier am 14.1.1972 im Kasino Troisdorf in dem Satz zusammen: „Wir haben es überstanden, ohne Schaden zu nehmen.“

Besondere Ereignisse im Jahr 1971 waren:

  • die Aufnahme der TROCAL-Dachfolien in die Lehrpläne der Dachdeckerschulungen
  • die Bewährung von TROCAL-Fenstersystemen unter den   Klimaverhältnissen Russland mit 40-45 Grad minus
  • die Inbetriebnahme des neuen Laborgebäudes in Troisdorf und der Bau neuer Silos für den TROSIPLAST-Betrieb in Troisdorf
  • die Herstellung eines Weihnachtsbaums aus ASTRALIT-Weihnachtsbaumfolie
  • die Verwendung von TROCAL-Abdichtungsfolien beim Talsperrenbau, von MIPOPLAST-Folien als Tankinnenschutz und in Güllegruben, Verwendung von TROGAMID bei der Herstellung von Taucheruhren
  • Bestellung von Dr. Arno Achterberg/Chemikaliensparte zum Vorstandsmitglied,
  • die Präsentation von Frau Ria Meuser/Eschmar, die eine neue Maltechnik auf ASTRALON-Folie  erfolgreich erprobt hat.

In 1972 hat die Produktion in der Chemikaliensparte um 12%, hauptsächlich in Witten, Rheinfelden und Lülsdorf, und die der Kunststoffsparte um 11% zugenommen. In Troisdorf wurden der POLLOPAS (Harnstoff-Formaldehydharz)- und der TROSIFOL-Betrieb erweitert. Die bebauten Grundstücke im Gebiet der Pappelstraße/Mülheimer Straße wurden in Troisdorf erworben.

Besondere Ereignisse in 1972 waren:

  • die Einführung eines speziellen Brillen-Designs für CELLONEX,
  • die Ausstattung des Olympia-Dorfs, des Stadions und verschiedener Sportanlagen anlässlich der XX. Olympischen Spiele in München mit verschiedenen Kunststoff-Produkten aus Troisdorf,
  • das rätselhafte erstmalige Auftreten von Krankheitssymptomen bei   Arbeitern im PVC-Betrieb, die -später, nach vielen medizinischen  wissenschaftlichen Untersuchungen und Erkenntnissen- auf Kontakt   mit Vinylchlorid- Gas (VC, „VC-Krankheit“) beim Kesselreinigen zurückgeführt wurden.

Laut Geschäftsbericht 1972 waren Aufsichtsrat und Vorstand wie folgt besetzt:
Aufsichtsrat
Dr. Friedrich Flick, Düsseldorf (Ehrenvorsitzender, verstorben am 20.7.1972)
Dr. Friedrich Karl Flick, Düsseldorf, Vorsitzender
Konrad Kaletsch, Düsseldorf, stellv. Vorsitzender
Rudi Josten, Rheidt
Wilfried Kästner, Liebenau
Franz Klaas, Mondorf
Helfried Krug, Mülheim
Günter Max Paefgen, Düsseldorf
Sr. Alfred Thomas, Düsseldorf
Dr. Hanna Arnt Vogels, Düsseldorf
Vorstand:
Dr. Werner Kneip, Köln, Vorsitzender
Dr. Arno Achterberg, Troisdorf
Dr. Gerhard Bier, Troisdorf
Assessor Franz Anton Gierlichs, Troisdorf
Dr. Ernst Grosch, Hennef
Dipl.-Kfm. Hans E. Holzer, Köln
Robert G. Layton, Köln
Dr. Alfred Rennert, Troisdorf

In seiner Rede anlässlich der Jubilarfeier am 11.1.1974 sprach Dr. Kneip das Thema „VC- Krankheit“ an: Er teilte dazu u.a. mit, dass schon vor 18-20 Monaten Schwierigkeiten im PVC-Betrieb aufgetreten seien. Im vergangenen Jahr (1973) sei man besonders hart betroffen worden. Der Vorgang habe außerhalb des Unternehmens und in der Presse eine breite Aufmerksamkeit erlangt. Und es werde teilweise polemisch argumentiert. Es seien Mediziner und Fachleute zur Beobachtung und Untersuchung herangezogen worden. Ein echter Schock habe Arbeiter, Betriebsrat und Geschäftsleitung getroffen. (Anmerkung des Bearbeiters: VC galt bis dahin als Sicherheitsgas, insbesondere auch in gesundheitlicher Beurteilung; so wurden bis in die 60iger Jahre Inhalationsnarkosen beim Zahnarzt z.B. mit VC durchgeführt – man war bei den Medizinern von der toxikologischen Unbedenklichkeit diese Gases absolut überzeugt!)
„Gründliche medizinische Untersuchungen ließen keinen Zweifel daran, dass Zusammenhänge bestanden (zwischen der Krankheit -verdickte Fingergelenke und Leber-Angiosarkom- und der VC-Exposition). Die medizinische Seite wurde von den dafür berufenen Personen ernsthaft und gewissenhaft weiterverfolgt. Wir konnten bisher im wesentlichen drei Maßnahmen treffen: die eine war, dass wir eine größere Zahl zusätzlicher Messstellen einrichteten, um mehr fundierte Daten in die Hände zu bekommen; die zweite Maßnahme war, dass wir die Konzentration an Schadstoffen an den jeweiligen Arbeitsplätzen so weit wie möglich zu verringern trachteten, und die dritte, dass wir die unmittelbare Berührung mit den Stoffen als den mutmaßlichen Verursachern so weit wie möglich verringerten. Alle diese Maßnahmen lagen ohne Zweifel in der richtigen Richtung und haben bereits bemerkenswerte Erfolge gebracht. Notwendig aber ist, dass das Wissen weiter verbreitet wird; so sind denn alle Bemühungen durch Forschungsaufträge bei Hochschulinstituten das Problem in seiner Wurzel aufzuklären, zu begrüßen. Die Zusammenarbeit im Unternehmen ebenso die mit Stellen außerhalb des Unternehmens war wirklich gut: Zu Vorwürfen oder dem versuch, irgendetwas unter den Teppich zu kehren, besteht kein Anlass. Helfen können nur gründliche naturwissenschaftliche Arbeit. Das ist geschehen und soll auch mit allem Ernst weiterbetrieben werden.“

Der Geschäftsverlauf sei im Jahr 1973 nicht schlecht gewesen; der Gesamtumsatz habe sich leicht erhöht; die Chemikaliensparte habe um 20% und die Kunststoffsparte um 13% zugelegt. Die Verwaltung ist in Teilen in das Hochhaus nach Troisdorf-Oberlar, Im Zehntfeld, im Januar verlagert worden. Als Neugeschäfte werden die mit Epoxy-Glas-Laminat -EPG-, TROLITAX, für die Elektronikindustrie und der neue Polyethylen-PE-Schaumstoff TROCELLEN genannt. Die Beschäftigtenzahl allein für Troisdorf belief sich auf 7.476 Personen. Die kontinuierlich-arbeitende Vulkanfiberanlage wurde rundum erneuert und fertig gestellt.

Das Jahr 1974 war nach Dr. Kneips Worten ein Jahr der Extreme. Es brachte der DN einen Umsatz von fast 2 Milliarden DM und damit einen Zuwachs von 25 %. Dr. Kneip begründete die Steigerungen, insbesondere die in den ersten drei Quartalen, mit Preissteigerungen der Ölförderländer und den daraus resultierenden Vorratskäufen. So machte dann das 4. Quartal Hoffnungen auf weitere Steigerungen zunichte. Die Chemikaliensparte erreichte zum ersten Mal einen Auslandsumsatz von mehr als 50 %. Die TROLITAX-Produktion war gut ausgelastet, auch die die TROCAL- und TROCELLEN-Produktionen. Weniger günstig war die Nachfrage nach Vulkanfiber DYNOS, TROVIDUR- und ASTRALON-Halbzeugen. Im Kunststoff-Rohrbetrieb musste im Dezember 1974 Kurzarbeit angemeldet werden.

Bedeutsame Ereignisse waren:

  • die Übernahme des Kunststoffenster-Herstellers Meteor in Neu-Ulm  und des Rolladenbauers Herms in Rösrath
  • die dauernde Beschäftigung der Geschäfts- und Betriebsleitung mit  der VC-Krankheit-technische und betriebswirtschaftliche Ausführungen zur Notwendigkeit und Erschließung der Rohstoffquellen Erdöl und Erdgas für die Kunststofferzeugung
  • Teilnahme an verschiedenen Messen, so z.B. in Frankfurt/Main, München, Düsseldorf, Utrecht Hannover etc.

1975 war ein miserables Jahr!“ so drückte es Dr. Kneip bei seiner Glückwunschrede bei der Jubilarveranstaltung im Januar 1976 aus. Seit Bestehen der Bundesrepublik sei 1975 das schwierigste und enttäuschendste Jahr für die chemische Industrie gewesen.Dr. Kneip machte drei Gründe für den wirtschaftlichen Rückgang geltend:
1. Die Rohstoffabhängigkeit von außerdeutschen Energiequellen, insbesondere vom Erdöl,
2. die innerdeutsche Kostenentwicklung und
3. die besonderen Schwierigkeiten durch das gesteigerte Umweltbewusstsein mit seinen wirtschaftlichen Konsequenzen.

Für das Jahresergebnis ging Dr. Kneip von einem Umsatzrückgang von 18 % bei DN aus: Große Rückgänge beider Chemiesparte, ein Rückgang bei der Kunststoffsparte um 18 % und Rückgänge bei der Sprengstoffsparte. Dr. Kneip berichtete noch über folgende Entscheidungen des Vorstands:
1. Stillegung des PVC-Betriebs zum Ende des Jahres, um aus den Belastungen des Werkes mit dem Auftreten der VC-Krankheit herauszukommen,
2. Aufschieben der Investitionsentscheidung für den Neubau des Verwaltungsgebäudes an der Kölner Straße,
3. Weiterbau der chemischen Fabrik Steyerberg (Hauptsächlich für die DMT-Produktion), die schon zu großen Teilen im Rohbau fertig war und die Weiterführung begonnener Forschungs- und Entwicklungsarbeiten, um Innovationen für die Zukunft zu ermöglichen.

Zur Schließung des PVC-Betriebs führte Dr. Kneip folgendes aus: „Nachdem wir die entsprechenden Maßnahmen, zu denen auch die Demontage einiger älterer Aggregate gehörte, vollzogen hatten, haben wir uns der so genannten Intensiventgasung zugewendet, mit der man die Restmengen aus dem Produkt, dem Abwasser und aus der Abluft herausholen kann. Für den betrieb ist das eine Angelegenheit, die so aufwändig geworden wäre, dass sie wirtschaftlich nicht vertretbar war. Für den größeren Teil unserer PVC-Fabrik wäre es jedoch technisch und, wenn auch mit Bedenken, wirtschaftlich noch gegangen. Aber mit einer solchen Maßnahme wäre erneut ein Kapazitätsverzicht verbunden gewesen, und wir wären damit in eine Dimension geraten,  die so klein ist, dass man mit ihr auf Dauer nicht existieren kann. Der Ausweg, die Pläne von Anfang der siebziger Jahre wieder herauszuholen, zu aktivieren und ein größeres Ausbauprogramm in die Wege zu leiten, schien uns hoffnungslos. Wir können einfach nicht davon ausgehen, dass die Bürger dieser Stadt, die sich mit den Problem sehr, sehr abgequält haben –wobei ich offen lassen will, ob die Sorgen immer voll berechtigt waren-, einem Ausbau hier am Ort ihre Zustimmung gegeben hätten.; wir hätten jahrelang um diese Zustimmung ringen müssen mit einem durchaus offenem Endergebnis. Da es sich hier nicht, wie beispielsweise bei den großen Kraftwerksvorgängen in Wyhl oder Voerde, um ein unverzichtbares Vorhaben handelte, haben wir es vorgezogen, unsere Fertigung zum frühestmöglichen Zeitpunkt einzustellen. Dabei gehen wir selbstverständlich davon aus, dass allen, die tätig sind oder waren, ein neuer Arbeitsplatz angeboten wird.Wir haben in Troisdorf eigentlich ganz andere Sorgen, als dass wir uns hier jahrelang in einen zermürbenden Kampf um Konzessionen begeben sollten. Troisdorf ist, wie Sie alle wissen, eine alte Fabrik. Und einige 40-Jährige unter Ihnen werden als junge Anfänger noch den Beginn der industriellen Verarbeitung von PVC in eben dieser Fabrik in Troisdorf miterlebt haben. Einige Kunststoffzweige sind sogar noch wesentlich älter. Die Frage, ob wir mit dieser alten Fabrik tatsächlich auf Dauer wettbewerbsfähig sind mit neu erstellten Kunststoff- und Chemiebetrieben, ist das eigentliche Thema, das uns hier in Troisdorf beschäftigt. Dieser Aufgabe wollen wir unsere ganze Aufmerksamkeit zuwenden, sowohl in der Verjüngung der Betriebe als auch in der Auffindung neuer verfahren und Produkte. Dies scheint uns wesentlich wichtiger und attraktiver, als unsere Kräfte zu verschleißen in einem Kampf gegen Windmühlenflügel.“

Folgende Verbesserungen und Neuerungen wurden auf den Markt gebracht:

  • der erste getuftete Velourteppichboden „Nobel trend“ vom Nobel-Teppichwek in Bad Hersfeld,
  • Badeboote, Kajaks, Planschbecken, Schwimmtiere, Schwimmringe, Wassermatratzen, die unsere Kunden aus MIPOPLAST-PVC-Rohstoffen erzeugten,
  • die neu entwickelten TROCAL-COLOR-Fensterprofile,
  • das neue Werkstoffprogramm DYFLOR 2000 (Polyvinylidenfluorid, PVDF) der Chemikaliensparte für Kabelummantelungen, als Folien für Rohr- und Ventilauskleidungen, für Beschichtungen und zur Anwendung für technische Gewebe in der Papier- und Zellstoffindustrie,
  • die Herstellung von Spiral-Großrohren bis zu 3000 mm Durchmesser im Wickelverfahren und
  • die Einführung und Anwendung von DYNASILAN (Siliziumester) der Chemikaliensparte als Bautenschutzmittel und als Mittel für die Denkmalpflege (einen Großversuch gab es am Kölner Dom).

Im Aufsichtsrat gab es folgende Änderungen:
- Aufsichtsratsvorsitzender wurde Dr. Friedrich Karl Flick, der Sohn von Friedrich Flick,
- Stellvertreter des Vorsitzenden: Konrad Kaletsch,
- Mitglied: Eberhard von Brauchitsch als Nachfolger von Helfried Krug.

Alle Drei kamen aus dem Hause Flick als größtem Anteilseigner. Weiter in den Aufsichtsrat berufen wurden nach der Neuwahl des Betriebsrates: Franz Klaas als Betriebsratsvorsitzender des Werkes Troisdorf und Toni Wasserfuhr als Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats aller DN-Werke.

Im Vorstand gab es folgende Veränderungen:
- am 1.1.1975 übernahm Dr. Arnold Fischer die Sparte Kunststoffe und wurde stellvertretender Vorsitzender,
- am 26.6.1975 trat Anton Gierlichs in den Ruhestand. Sein Vorstandsamt übernahm Dr. Gerd Krems als Stellvertreter Personal.

Zum Ergebnis des Jahres 1976 erwähnte Dr. Kneip, dass trotz einer Umsatzsteigerung von 260 Mio. DM der Umsatz deutlich unter der 2-Milliardengrenze des Jahres 1974 lag. Trotzdem sei man froh über die 15,5 prozentige Steigerung, wobei der Umsatz in der Kunststoffsparte um 24 % gestiegen ist. Der Exportanteil lag bei 34 %. Von 270 Neueinstellungen im Konzern seinen 75 neue Mitarbeiter in Troisdorf übernommen worden.Toni Wasserfuhr richtete sich bei seiner Jubilarfeieransprache  1976 an Dr. Kneip mit der eindringlichen Bitte, in den kommenden Jahren bei den Investitionen nicht den Standort Troisdorf zu vernachlässigen für die Zukunftssicherung. Überschattet wurde das Jahr 1976 vom plötzlichen Tod des neuen Vorstandsvorsitzenden Dr. Arnold Theodor Fischer am 3. August 1976 bei einer Dienstreise in New York. Er war erst am 2.7.1976 zum Vorstandsvorsitzenden bestellt worden. Damit die Firma nicht ohne einen erfahrenen Lenker blieb, wurde Dr. Kneip vom Aufsichtsrat gebeten, den Vorsitz bis zur Bestellung eines neuen Vorsitzenden zu übernehmen. So blieb Dr. Kneip bis zum 1.5.1977 Vorsitzender des Vorstands. In diese Amt bestellt wurde ab 1. Mai 1977 Professor Dr. Dietrich Schliephake; er kam von der VEBA-Chemie. Dort war er Vorstandsmitglied gewesen.

Der Aufsichtsrat hatte am 2.7.1976 Dipl.-Ing. Hans Jäkel in den Vorstand als stellv. Mitglied berufen. Er vertrat die Kunststoffsparte. Diese hatte im Geschäftsjahr 1976 ihren Umsatz geringfügig über den Höchstwert von 1974 steigern können.

Beteiligt hieran waren:

- die TROLITAX-Schichtstoffe für die Elektronikindustrie
- die TROVIPOR- und TROCELLEN-Schaumstoffe für die Automobilindustrie
- Vulkanfiber DYNOS für Schleifscheibenträger
- CELLONEX für die Herstellung von Brillengestellen
- TROCAL- und MIPOLAM-Produkte für das Bauwesen, den Innenausbau sowie Rohre für den Kanalbau.

Für 1977 prognostizierte Prof. Schliephake bei seiner 1. Pressekonferenz am 11. Juli 1977 eine „verhaltene Geschäftsentwicklung“ für das laufende Geschäftsjahr. In 1977 hatte man auch das Umweltschutzprogramm für die Anwässerreinigung begonnen (Bau der Abwasseraufbereitungsanlage -ARA- in Lülsdorf). Das Jahr 1977 wurde als nicht sehr gutes Jahr beschrieben. Der Umsatz wurde mit 2 Mrd. DM beziffert, somit eine Steigerung von 3,4 %; die Kunststoffsparte war um 5,6 % auf 572 Mio. DM gestiegen. Umsatzzunahmen gab es bei den Marken TROCELLEN- und TROVIPOR-Schaumstoffen, TROSIFOL-Folien, DYNOS-Vulkanfiber, TROLITAX-Laminaten, TROVIDUR-Tafeln, ASTRALON- und ASRALIT-Tafeln, TROCAL-Rolläden, TROCAL-Fensterprofilen, MIPOLAM-Bodenbelägen, MIPOLAM-Wandbelägen und bei ASTRAGLAS-Folien.2,3 Mio. DM wurden abgeführt. Für 1977 waren es 2,7 Mio. DM.

Die Kunststoffsparte konnte 1978 die Produktion um 9 % und den Umsatz um 6,4 % steigern. Der Unterschied in diesen Zahlen weist auf  den Druck auf die Verkaufspreise der Kunststoffprodukte hin, der hauptsächlich durch ausländische Wettbewerber im Bauwesen und im Automobilbereich zurückzuführen war. Das Auslandsgeschäft betrug 34 %. Absatzprobleme hatte Cellonex, Mipolam, Trosifol und Trovidur, insbesondere auf dem deutschen Markt.

Herausragende Objekte für die Verwendung von Kunststoffprodukten aus Troisdorf waren:

  • die Verlegung von ca. 300.00 qm MIPOLAM-Kunststoffboden im neuen Krankenhaus Erlangen
  • die Verwendung von CELLONEX-Produkten in Japan, Australien, USA, Schweden, Norwegen, Finnland und in einigen Staaten Afrikas
  • die Fertigstellung der Sanierungsarbeiten am Elbe-Seitenkanal bei Lüneburg, wo die Uferbefestigung nach einem Durchbruch mit 45.000 TROCAL-Folie abgedichtet wurde
  • die Verwendung von 35.000 qm TROCAL-Dachfolie bei dem Objekt Ballymun-Siedlungskomplex in Irlandden Einbau von TROCAL-Dichtungsfolien auf einer Mülldeponie in Kopenhagen
  • die Fertigstellung der beiden Röhren des Pfaffensteiner Tunnels auf der Autobahn A 93 unter Verwendung von 35.000 qm TROCAL-Folie.

In der Bilanzpressekonferenz am 29.6.1978 sprach prof. Schliephake für die Kunststoffsparte die Erwartung aus, durch eine weitere Bereinigung der vielen Sortimente auf profitable Großprodukte hin, eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation dieser Sparte herbeiführen zu können. Diesem Ziel sollte auch der vergrößerte Vorstand an seiner Seite dienen mit den Herren: Dr. Arno Achterberg, Dr. Gerhard Bier, Dr. Ernst Grosch, Dr. Gerd Krens, Dipl.-Kfm. Hans E. Holzer und Dipl.-Ing. Hans Jäkel. Eine wichtige Entscheidung wurde 1978 für den Bau des neuen DN-Verwaltungsgebäudes an der Kölner Straße getroffen. Ende November begannen die Ausschachtungsarbeiten für den Doppel-Y-Bau; er sollte nach Fertigstellung Platz für 650 Büroangestellte bieten und den DN-Standort Troisdorf festigen. Hier waren in 1978 6012 Personen beschäftigt.

„Das abgelaufene Jahr 1979 war kein schlechtes Jahr“, so charakterisierte Prof. Schliephake das Umsatzergebnis der DN-Gruppe. In diesem Jahr wurde ein Umsatz von fast 2,5 Mrd. DM erreicht, der wesentlich durch Preissteigerungen zustande gekommen war. In der Kunststoffsparte stieg der Umsatz um 16 % auf 710 Mio. DM. Damit war die Kunststoffproduktion in Troisdorf an die Grenze der Leistungsfähigkeit gekommen, und die Anlagen waren voll ausgelastet. Im Jahr 1979 waren die Beschäftigtenzahlen im gesamten Unternehmen um 263 gestiegen, davon in Troisdorf um 117, von 6012 auf 6129.

Am Standort Troisdorf ist 1979 die neu gebaute Produktionsanlage Carbonylierung in Betrieb gegangen. Hierbei werden mithilfe von Kohlenmonoxid aus Chloressigestern Malonester (für Zwischenprodukte der pharmazeutischen Industrie) hergestellt.Außerdem wurde in die TROCELLEN-Erweiterung (dritte Straße). Die Erweiterung der TROCAL-Profilextrusion, die Erweiterung der TROSIPLAST-Granulatkapazität und die Entwicklungen zur Anwendung von TROVIDUR-Platten in Schallschutzwänden investiert.Ein Großauftrag für die Olympischen Spiel in Moskau 1980 führten 1979 der TROCELLEN- und der MIPOLAM-Betrieb aus. 700.000 qm Prellwände wurden für die Sporthallen in Moskau gefertigt und im Februar 1980 von russischen Lastwagen abtransportiert. Das gut verlaufene Jahr 1979 erbrachte einen Gewinn von 6,6, Mio. DM für die Friedrich Flick KG.

Das Jahr 1980 begann mit der neuen Veranstaltungsreihe „DN-Forum“, die Dr. Gerd Krems als innerbetriebliches Bildungsangebot vorstellte. Die Reihe richtete sich besonders an Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und deren Partner. Erster Redner war der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, Dr. h.c. Josef Stingl, der über die 80iger Jahre referierte. Am 19. Dezember 1980 wurde das neue Verwaltungsgebäude an der Kölner/Sieglarer Straße, (der so genannte Doppel-Y-Bau, 6-stöckig) von der DN-Contibau an Prof. Dr. Schliephake bei einer Eröffnungsfeier übergeben. In diesem Haus arbeiteten künftig die Mitarbeiter des gemieteten Bürogebäudes in Oberlar an der Autobahn und die anderweitig auswärts untergebrachten Mitarbeiter, insgesamt 670 Mitarbeiter/innen. Das Haus hatte mit dem Gründstück 35 Mio. DM gekostet. In Troisdorf hatte man in den traditionellen Arbeitsfeldern die 1979 finanzierten Erweiterungen oder Modernisierungen im Laufe des Jahres 1980 in Betrieb genommen, so z.B. bei TROSIPLAST, Carbonylierung (Herstellung von Malonester aus Chloressigester mit CO, Kohlenmonoxyd) TROLITAX, TROCELLEN, TROCAL-Fensterprofilen und MIPOLAM-Fußbodenbelägen.
Außerdem wurde ein Kunststoff-Fensterwerk in Wetzlar gekauft, die  Tochtergesellschaft für Fenster- und Rollladenbau Herms in Rösrath mit einer neuen Anlage in Saarwellingen im Saarland erweitert und das Nobel-Teppichwerk in Bad Hersfeld modernisiert und mit der Spinnerei erweitert.
Der Umsatz der Kunststoffsparte stieg auf 764 (+55 Mio.) Millionen DM um 8 %. Dieses Umsatzplus konnte nicht den Verlust der Chemiesparte und den der Sprengstoffsparte ausgleichen. Somit schloss 1980 mit einem Absatzrückgang für den Konzern in Höhe von 2 % ab. Erstmalig konnte kein Gewinn an die Friedrich Flick KG abgeführt werden.

Schon bei der Jubilarfeier am 9. Januar 1981 waren von Prof. Schliephake Zweifel am richtigen Weg der unternehmerischen Ausrichtung der Dynamit Nobel AG geäußert worden: „..ob nicht in der unternehmerischen Konzeption der DN eventuell eine Fehlkalkulation enthalten sei.“ Es war herauszuhören, dass in dem Dreiklang der drei Sparten Sprengstoffe, Chemikalien und Kunststoffe hin und wieder Dissonanzen mitschwangen, denen man mit kräftigen Investitionen in USA und besonders den Chemiestandorten des Unternehmens in Rheinfelden mit dem neuen Silizium-Geschäft und den Chemiestandorten Steyerberg, Witten und Lülsdorf begegnen wolle. Kostendruck war durch fehlende Gesamtauslastung, die neuen Investitionen in die Carbonylierungsanlage und bei den Zinskosten entstanden. Begegnen wollte Prof. Schliephake diesem immensen Kostendruck mit einer Überprüfung aller Kosten auf allen Ebenen und in allen Bereichen der Produktion, der Instandsetzung und der Verwaltung, die so genannte „Gemeinkosten-Wertanalyse –GWA“. Mit der Überprüfung wurde wieder die amerikanische Firma McKinsey beauftrag, die schon 1964 bei DN (Einführung der Sparten- und Ressort-Struktur) tätig war.

Prof. Schliephake berichtete auf der Bilanz-Pressekonferenz am 3. Juli 1981 unter der Überschrift „Belastungen in der Gegenwart zur Sicherung der Zukunft“ wie folgt:
„So etwa könnte man die derzeitige Marschroute in einer konjunkturell schlechten Momentsituation beschreiben, die zudem von einer ernstzunehmenden Strukturveränderung sowohl im Marktverhalten unserer Kundschaft als auch in internationalen Wirtschaftsbeziehungen überlagert wird. Vor diesem Hintergrund sind die Bemühungen zu sehen, für das Unternehmen Dynamit Nobel AG eine auch in Zukunft tragbare Struktur zu finden. Hierzu gehören die Entwicklung neuer zukunftsträchtiger Produkte und die Erschließung neuer Märkte. Ziel ist es für uns, die bisher noch große Abhängigkeit vom einheimischen Markt in Entwicklung, Produktion und Investitionen zu überwinden und die Aktivitäten in den deutschen Werken in eine Gesamtbetrachtung internationaler Marktbearbeitung und Arbeitsteilung einzubringen, um für das inländische Kernunternehmen weiteres Wachstum zu sichern. Dies betrifft die Erzeugnisse, d.h. ihre Verbreitung und Diversifizierung, sowie die Trennung von zukunftslosen Produkten. Außerdem müssen Forschung und Vertriebsorganisation für eine gezielte Problem- und Marktbearbeitung gestärkt werden.“
Über Sinn und Zweck dieser Gemeinkosten–Wertanalyse hatte der DN-Pressesprecher Ulrich Hopmann mit dem Vorsitzenden des Lenkungsausschusses Dr. Ernst Grosch ein ausführliches Interview geführt.
Über 1981 konnte Prof. Schliephake den Ergebnissen lediglich ein „nicht ausreichend“ abringen. Bei der Kunststoffsparte war nach seiner Auffassung bei den PVC-Produkten eine katastrophale Marktsituation entstanden. Diese Verluste hätten die positiven Ergebnisse in den anderen Sparten aufgezehrt.

Für 1981 wurden u.a. folgende Mitteilungen gemacht.

  • Das Nobel-Teppichwerk in Bad Hersfeld erhielt einen Großauftrag zur Ausstattung des Bodens der Olympiahalle in München
  • Der Pollopasbetrieb (Harnstoff-Formaldehyd-Harze) feierte sein 50jähriges Jubiläum
  • Mit einer japanischen Firma (Sekisui) wurde die Lizenzvergabe zur Herstellung von Kunststoff-Fenstern und –Türen und der Profilfertigung hierfür vereinbart.
  • Für die TROCAL-Profilextrusion an der Mülheimer Straße in Troisdorf wurde ein Hochregallager errichtet.
  • Mit den Behörden wurde über die Errichtung einer Entsorgungsdeponie für Abfälle und Schlämme aus den Fabriken Troisdorf, Schlebusch und Lülsdorf an der Spicher Broich (ehemalige Filk-Quarzsandgrube) gesprochen.

Im März 1982 geschah dann das Unvorhersehbare: Prof. Dr. Dietrich Schliephake trat vom Amt des Vorsitzenden des Vorstands der Dynamit Nobel AG zurück. Er hatte als 51-Jähriger den Aufsichtsrat um vorzeitige Beendigung seines Vertrags gebeten. Dies geschah in freundlichem Einvernehmen. Als Nachfolger hatte der Aufsichtsrat Herrn Dr. Ernst Grosch bestimmt (26.4.1982).

Dem Vorstand gehörten danach an:
Dr. Ernst Grosch
Dr. Gerhard Bier
Dr. Peter Hoffmann
Dipl.-Kfm. Hans E. Holzer
Dipl.-Ing. Hans Jäkel
Dr.jur. Gerd Krems

In seiner ersten Pressekonferenz am 5.Juli 1982 ging Dr. Grosch auch auf die Tätigkeitsfelder ein, die nach seiner Ansicht keine Wachstumschancen hatten. Für den Kunststoffsektor sah er die PVC-Produkte als Hauptproblem: TROCAL-Fensterprofile und Dichtungsbahnen, MIPOLAM-Bodenbeläge waren von den Verlusten besonders betroffen.Bei der stark besuchten Betriebversammlung am 19.3.1982 wurde über die Eckpunkte der GWA berichtet Im Dezember 1982 wurde dazu eine Betriebsvereinbarung zwischen Betriebsrat und Firmenleitung geschlossen, die u.a. den Abbau aller Überstunden und die Überprüfung der Fremdfirmenbeschäftigung vorsah. Für die ausscheiden 260 Mitarbeiter wurde die Abfindungsregelung vereinbart. Für die mit 59 Jahren Ausscheidenden wurde eine besondere Ruhestandsregelung getroffen; die anderen erhielten eine Wiederanstallungszusage bei guter Geschäftsentwicklung. Der „Rhein-Sieg-Anzeiger“ vom 1.12.1982 titelte: „Bei Dynamit Nobel droht Massenentlassung- Einbrüche im Chemie- und Kunststoffgeschäft“. Insgesamt sank die Mitarbeiterzahl im Konzern um 690 im Jahr 1982. Im Jahresergebnis von 1982 zeigte sich eine Unterauslastung der Chemikaliensparte, wohingegen die Kunststoff- und Sprengstoffsparte Gewinne erwirtschafteten. Das positive Jahresergebnis war damit eine gute Ausgangsbasis für den neuen Vorstandsvorsitzenden Dr. Ernst Grosch für seine zukünftige Arbeit. Hans Werner Kolb/Buderus übernahm die Funktion von Eberhard von Brauchitsch im Aufsichtsrat der Dynamit Nobel AG.

In 1983 stieg der Umsatz der Kunststoffsparte von 791 auf 867 Mio DM. Positiv entwickelten sich lediglich die Auslandsumsätze der anderen Sparten. Es wurde kein Gewinn abgeführt. Die Mitarbeiterzahl in Troisdorf betrug 5824.

Im Vergleich zum Vorjahr waren die Ergebnisse 1984 vollauf zufrieden stellend. Damit waren die Ziele von internen Maßnahmen zur Förderung wachstums- und gewinnstarker Arbeitsgebiete erreicht. Bei der Kunststoffsparte ergab sich nur ein Umsatzzuwachs von 3 Mio DM. Hier zeigten sich die Produktionsaufgaben bei Herms in Rösrath, dem TROLITAN-Betrieb in Troisdorf (TROLITAN= Phenol-Formaldehyd-Harze), der seit 1925 am Standort Troisdorf fertigte, und bei der Nobel Teppichboden GmbH in Bad Hersfeld. Von den 13.607 Mitarbeiter des DN-Konzerns arbeiteten 5758 in Troisdorf. An die Flick KG wurde ein gewinn von 13,1 Mio DM abgeführt. Damit war das Jahr 1984 ein besonders erfolgreiches.

1985 war für die DN ein bedeutsames Jahr. Die Obergesellschaft, die Friedrich Flick KG Düsseldorf als Alleinaktionär hatte seine Beteiligungen an der Buderus AG, Feldmühle AG und der Dynamit Nobel AG an die Deutsche Bank verkauft (8,5 Milliarden DM), die diese dann unter dem Namen Feldmühle AG an der Deutschen Börse in Frankfurt/Main eingeführt.Der Geschäftsbericht über 1985 war somit der letzte unter der Führung der Flick KG. Dr. Grosch hatte das Jahr 1985 als gut bezeichnet. Der Weltumsatz belief sich auf 3696 Mio DM. Als Gewinn wurden 16.205 Mio DM abgeführt. Für die gewerblichen Mitarbeiter wurde die Pensionskasse als Element zukünftiger zusätzlicher Altersversorgung geöffnet.

Die letzte Bilanz, die Dr. Grosch am 15. Juli 1987 der Öffentlichkeit vorstellte, war mit der Ankündigung verbunden, dass die VEBA/HÜLS AG in Marl die Chemie- und Kunststoffaktivitäten von DN übernehmen werde und die Sprengstoffsparte mit ihren Standorten zusammen mit dem Kunststoff-Formteilewerk in Weißenburg und Pappenheim und Berlin von Dynamit Nobel AG in einem Verbund Feldmühle-Nobel als Obergesellschaft verbleibe und weitergeführt werde.
Mit der Übertragung der Chemie- und Kunststoffaktivitäten auf die HÜLS AG fände eine Konzentration auf einen Wettbewerber statt, der auf dem Chemiesektor die Schwächen der alten DN ausgleichen und verbessern könne.
Man sehe deshalb in der HÜLS AG einen verlässlichen Industriepartner,. So würden nach Vertragsabschluss die Werke in Lülsdorf, Rheinfelden, Witten, Steyerberg und die Chemie- und Kunststoffaktivitäten am Standort Troisdorf sowie alle Standorte in den USA und in Italien mit der Verwaltung in Troisdorf in die HÜLS AG eingegliedert. In allen Bereichen, so erklärte Dr. Grosch, werden die sozialen Standards für die Mitarbeiter erhalten bleiben, auch diejenigen zur Altersversorgung.
Das Geschäftsjahr 1986 bezeichnete Dr. Grosch als ein schwieriges Jahr, weil der weltweite Umsatz um 5,4 % zurückgegangen sei. In der Kunststoffsparte gab es eine leichte Verbesserung beim Umsatz von 1,8 % auf 919 Mio DM. Damit steuerten die Kunststoffaktivitäten 30 % zum Gesamtumsatz bei. An die Obergesellschaft, die neue Feldmühle AG wurde ein Gewinn von 16 Mio DM und eine Verwaltungskostenumlage von 19 Mio DM überwiesen.
Im ersten Halbjahr 1987 zeichnete sich Umsatzrückgang von etwa 8 % ab, wobei das Geschäft der Kunststoffsparte in Troisdorf keine Einbußen erlitt. Damit müsste eigentlich die Kunststoffsparte innerhalb der HÜLS AG eine gute Start- und Überlebenschance haben, die mit ihrem Standort zu jener Zeit auf eine 82-jährige Geschichte zurückblickte.
Für die Chemie- und Kunststoffaktivitäten gründete die HÜLS AG zum 1.1.988 die Hüls Troisdorf AG (HTAG). In der Aufsichtsratsitzung am 27.6.1988 wurden dann folgende Entscheidungen getroffen:

1. In der HTAG werden als selbständige Beteiligungsgesellschaft der  HÜLS AG alle Aktivitäten der Kunststoffverarbeitung zusammengefasst. Die neue Firma blieb somit selbständig und übernahm alle Mitarbeiter, Grundstücke und Anlagen und Genehmigungen.
2. In die HÜLS Ag wird die gesamte Chemiesparte mit den Werken in Lülsdorf, Witten, Rheinfelden, Steyerberg und die Kunststoffrohstoff-Fabrik in Troisdorf eingegliedert; hierzu gehören auch alle Mitarbeiter, Grundstücke und Anlegen dieser Werke.
3. Alle anderen Funktionen, die aus der Chemiesparte oder anderen Zuordnungen entstanden waren, gehen auf die Zentrale der HÜLS AG in Marl über, ausgenommen diejenigen, die zur Kunststoffverarbeitung gehörten.

Mit diesen Entscheidungen wurde der Standort Troisdorf schwer getroffen, der in der Folgezeit noch weitere dramatische Veränderungen erfahren sollte.

(Bearbeitet: Dr. Volker Hofmann, Troisdorf, 24. September 2008-09-24 unter Benutzung von Matthias Dederichs, „100 Jahre Kunststoffe aus Troisdorf, Teil III“ in Troisdorfer Jahreshefte XXXVI 2006)