Daten zur Geschichte der Dynamit Nobel AG, Hüls Troisdorf AG, der HT TROPLAST AG und der profine GmbH in Troisdorf

Teil V, 1988 – 2008


Die anteilige Dynamit Nobel AG (Kunststoffsparte und Chemikalien) wurde ab dem Erwerb durch die Hüls AG, 1.1.1988, als deren Tochterunternehmen unter dem Namen Hüls Troisdorf AG (HTAG) mit Unternehmenssitz in Troisdorf geführt. Die ebenso erworbenen Chemieaktivitäten wurde anfangs (1988) ebenso unter Hüls Troisdorf AG von Troisdorf aus geleitet, ab 1989 wurden die Aktivitäten und Mitarbeiter in die Hüls AG, Marl, eingegliedert. Ihre Kunststoffprodukte waren in der Hauptsache Bodenbeläge (MIPOLAM), Dach- und Dichtungsbahnen (TROCAL), Vulkanfiber (DYNOS), Platten und Spezialfolien (TROVIDUR und ASTRAGLAS), TROLITAX-Basismaterialien für die Leiterplattenhersteller, TROSIFOL-Sicherheitsfolien, TROCELLEN-Schaumprodukte und Fenster- und Türprofile (TROCAL). Die Unternehmensvorstände in dieser Zeit kamen meist von der Hüls AG aus Marl, so z.B.  Dr. Mienkina, Dr. Bernd Terwiesch und Robert Bornhofen, der das Unternehmen bis Ende 1994 führte.

Im Juni 1988 beteiligte sich die Hüls Troisdorf AG bei der Gründung der Arbeitsgemeinschaft PVC und Umwelt e.V., Bonn, -AgPU. Alle deutschen PVC-Erzeuger (BASF, Hüls AG, Wacker-Hoechst AG, ICI und Solvay) und namhafte PVC-Verarbeiter (z.B. auch Kömmerling und VEKA, Hoechst-Folien, Tarkett) sowie etwa 1000 Privatpersonen wurden Mitglieder dieser Arbeitsgemeinschaft. Sie hatte sich die Aufgabe gegeben, zu der negativen Öffentlichkeitskampagne von Greenpeace gegen PVC ein Gegengewicht zu schaffen. Vertreter der Hüls Troisdorf AG war damals Dr. Volker Hofmann, der anfangs Mitglied des Vorstands und 2008 langjähriger Vorsitzender des Vorstands der Arbeitsgemeinschaft war. In den 20 Jahren ihrer Tätigkeit bis 2008 hat die AgPU den Werkstoff PVC mit den Belangen des Umwelt- und Ressourcenschutzes und der Nachhaltigkeit in Einklang gebracht.

1989 erwarb die HTAG aus dem Hüls-Besitz die Höhn-Kunststoffwerke GmbH, die im Westerwald hauptsächlich PE-Rohre (BRANDALEN) herstellte, und von der RAG die Niederberg Chemie, Kempen/Tönisberg bei Neukirchen-Vluyn (CARBOFOL-Dichtungsbahnen auf Basis PE und ECB, Polyethylen-Bitumen). 1996 ging dieser Unternehmensteil an die Naue GmbH & CO.KG, die seinerzeit weltweit Deponieabdichtungen einbaute, Grundwasserschutz- und Tiefbaumaßnahmen und Tunnelabdichtungen durchführte.

So warb HT 1989 in der Fachpresse wie folgt:
„Die Idee, unser Kostbarstes gut zu schützen.
Sauberes, reines Wasser wird immer mehr zu einer Kostbarkeit, die Schutz und Aufmerksamkeit verdient. Dementsprechend wichtig sind Produkte und Technologien, die Trinkwasser sauber transportieren, Deponien zuverlässig abdichten und Drainagen auch in sensiblen Bereichen ermöglichen.
Mit der Kunststoffwerk Höhn GmbH und der HT TROISDORF AG haben sich zwei Partner gefunden, die über das notwendige Know-how und die geeigneten Produkte für die vielfältigen Aufgaben verfügen. TROCAL- und CARBOFOL-Dichtungsbahnen der HT bewähren sich seit vielen Jahren in zahlreichen Tiefbau-Projekten. BRANDALEN-Rohrsysteme von Höhn finden z.B. Anwendung in der Wasserver- und entsorgung, wie auch bei Relining-Projekten, Fernwärme und Gastransportleitungen.“

1991 erwarb die Hüls Troisdorf AG von der Treuhandgesellschaft das Bernauer Werk (Bernau, nordöstlich von Berlin) zur Herstellung von Leiterplatten-Basismaterialien (hauptsächlich FR 4 –Materialien, Kupferbeschichtete Epoxydharz-Glasgewebe),  (Bernau war ehemals Teil des Elektrokombinats Henningsdorf) und führt es als Betriebsstätte zur Herstellung von TROLITAX-Basismaterial bis zum 31. März 1995 weiter. Der Wegfall des Ost-Europa-Markts nach 1991 und bestehende Überkapazitäten in Europa für Leiterplattenbasismaterialien waren  ausschlaggebend für die Schließung dieser Betriebsstätte im Osten von Berlin. Die gesamte TROLITAX-Produktion (sowohl Phenolharz-Hartpapier, Epoxyglas-Material und Multilayer-Prepregs) wurde auch in Troisdorf 1995 (auch wegen verzögerter Betriebsgenehmigungen für eine Erweiterung und Modernisierung) stillgelegt.

Im Jahre 1992 wurde TROLINING als Tochterunternehmen zur Kanalrohrsanierung mittels Kunststoff-Inliner gegründet.

Im Januar 1993 bekräftigte Vorstandsmitglied  und Arbeitsdirektor Dr. Heinrich Wilckens bei der Jubilarfeier des Unternehmens im Troisdorfer Kasino, dass der Troisdorfer Standort mit seinen 2.800 Mitarbeitern weder gefährdet sei noch verkauft werden soll. Der Umsatz des Jahres 1992 habe 785 Mio DM betragen. Dabei hätten die baunahen Aktivitäten-Profile und Innenausbau, Abdichtungen und Rohre- deutliche Steigerungen einbringen können. Das Geschäft mit Spezialhalbzeugen und vor allem die Laminataktivitäten hatten aber deutliche Einbußen erlitten. Die Zahl der Beschäftigten sei von 3.717 Ende 1991 auf 3.566 zurückgegangen, davon waren in Troisdorf 2.871 Mitarbeiter beschäftigt.

1994 wurde das Unternehmen an die RAG-Tochter RÜTGERS AG, Essen, verkauft. RAG hatte im Gegenzug die Phenolchemie, Gladbeck, an das Mutterunternehmen der Hüls AG, die VEBA, übertragen.

Das Troisdorfer Unternehmen entwickelte seinen neuen Unternehmensnamen HT TROPLAST AG, wobei nun HT „Halbzeuge aus Troisdorf“ anklingen lassen sollte, vorher stand HT für Hüls Troisdorf AG. Erster Vorstandsvorsitzender des RÜTGERS-Unternehmens war Werner Heep. Er gab das Ziel aus, möglichst bald die Umsatzmarke von 1 Mrd. DM zu erreichen. HT erreichte diese Umsatzmarke mit Erwerb der KBE in 1999.

Zum 1. Januar 1997 wurde mit der schweizerischen Sika AG ein Joint-Venture mit den Dach- und Dichtungsbahngeschäft der Marke TROCAL am Standort Troisdorf geschlossen. Am 1.7.2000 wurde das Joint Venture aufgelöst und die betreffenden TROCAL-Anteile in das Sika-Unternehmen Sika Trocal GmbH eingebracht; die Produktion verblieb in Troisdorf und wurde dort auch in 2008 betrieben.

Zum 1. April 1997 wurden die Troisdorfer Bodenbelagsaktivitäten MIPOLAM an die französische Gerflor Bodenbelagsgruppe übertragen, die das Troisdorfer Kunststoffbodenbelagsgeschäft als Gerflor Mipolam GmbH mit Sitz in Troisdorf weiterführte (so auch in 2008).

Zum 1. Januar 1999 erwarb die HT TROPLAST AG aus dem Besitz der RAG die Knipping Fensterprofil GmbH, Hamminkeln. Knipping war mit einem eigenen Fensterprofil-System am Markt; das System wurde unter dem Dach der HT weiterhin produziert und vermarktet (Beginn der Mehrmarkenstrategie).  2004 wurde das Unternehmen vom eigenen Management erworben.

Im Juni 1999 (rückwirkend zum 1.1.1999) erwarb die HT die KBE, Kunststoffprodukte für Bau und Elektrotechnik, die PVC-Fensterprofile herstellte, mit der Verwaltung in Dillingen/Saarland und der Produktionsstätte in Berlin, Marienfelde, Motzener Straße, und dem Logistikzentrum in Ludwigsfelde/Brandenburg. KBE war umsatzstark in den Fünf Neuen Ländern und in Osteuropa. Der Gründer der KBE (Juli 1980), Uwe Pieper, wurde Vorstandsmitglied der HT TROPLAST AG und begleitete die Integration des neuen Unternehmens in die HT. KBE beschäftigte damals 600 Mitarbeiter, davon 300 in Berlin-Marienfelde, und erwirtschaftete einen Umsatz von 240 Mio DM in 1998. HT erreichte mit dieser Akquisition einen Marktanteil von 15 % im Profilgeschäft, in der gleichen Größenordnung wie die VEKA AG. Der Umsatz der HT wurde nun mit 1 Milliarde DM angegeben. Damit stieg die HT zum umsatzstärksten Unternehmen im RÜTGERS-Verbund auf (1998: 5,2 Mia DM Umsatz, Ergebnis: 223 Mio DM).

Am 1.10.1999 wurde das TROVIDUR-Plattengeschäft (homogene Platten) an die Röchling GmbH, Haren, veräußert. Die Firma firmierte zunächst als Röchling Trovidur GmbH in Troisdorf, später, weiterhin mit Produktion und Vertrieb in Troisdorf ansässig -so auch in 2008- als Röchling Engineering Plastics KG.

Dr. Hans Werner Kleffner, seit 1994 Mitglied des Vorstands, benachfolgte am 1.3.2000  Werner Heep als Vorsitzender des Vorstands der HT, der wiederum Vorstandsvorsitzender der RÜTGERS AG wurde.

Im Oktober 2000 erwarb die HT den Profil- und Plattenextrudeur, die Kömmerling GmbH, in Pirmasens, Zweibrücker Straße. Kömmerling wurde 1897 von Karl Kömmerling gegründet und bis zum Erwerb durch HT als Familienunternehmen geführt. 1902 begann die Klebstoffproduktion in Pirmasens (hauptsächlich für die umliegende Schuhherstellung), 1957 begann die Profilextrusion für Rolläden und 1967 die für Fenster („Combidur“ und „Pirmat“), später folgte die Plattenextrusion. In den letzten Jahren vor dem Verkauf hatte die Geschäftsführung aggressiv in den Fensterbau investiert, und das Unternehmen war dadurch in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Kurz vor dem Verkauf musste Kömmerling Insolvenz anmelden. HT teilte damals mit, dass sie durch den Erwerb von Kömmerling eine Profilkapazität von 200.000 jato und damit einen Marktanteil von 23 % in der Europäischen Union erzielen werde, wodurch HT zum führenden Hersteller von PVC-Fensterprofilen aufsteigen würde. Die Kleberproduktion ging an ADCO Global Inc., Raleigh, North Carolina(USA) und wurde am Standort weitergeführt.

Dieser Unternehmenskauf wurde PR-mäßig durch Wolfgang Pohl begleitet, wobei es insbesondere um den Abbau von Ängsten und den Erwerb des Vertrauens der Kömmerling-Mitarbeiter ging. So las sich eine ganzseitige Anzeige in der „Rheinfalz“ vom 23. März 2000: „Pirmasens muss Standort für Kunststoffverarbeitung bleiben, HT“ am 27.März 2000: „Der Markt braucht eine starke Marke Kömmerling, HT“ oder am 4. April 2000: „Man muss die Erfahrung der Kömmerling-Mitarbeiter zu schätzen wissen, HT TROPLAST AG“.

Die profine GmbH wurde dann später innerhalb der HT TROPLAST AG zum 27.6.2003 etabliert mit dem Ziel, die PVC-Profile der vier Marken TROCAL, KBE, Knipping und Kömmerling („Mehrmarkenstrategie“) nebeneinander und in Symbiose in Europa und weltweit zu vermarkten („Bündelung der Profilaktivitäten“). In einzelnen Ländern hatten sich Markenschwerpunkte ausgebildet, so z.B. KBE in Russland, Kömmerling in Spanien und TROCAL in den Balkanländern und Kömmerling bevorzugt für den privaten Wohnungsbau und KBE für den öffentlichen Groß-Wohnungsbau, zumindest im deutschen Markt (Stand:2006).

In 2000 war die HT TROPLAST AG Mitbegründer des europäischen PVC-Fensterprofil Verbandes EPPA, European PVC-Profiles Producers Association,  Brüssel unter dem Dach der EuPC –European Plastics Converters Association, dem Verband der europäischen Kunststoffverarbeiter; Dr. Volker Hofmann, HT, wurde zum Präsidenten gewählt – so amtierte er über die gesamte Zeit bis Ende 2008. Marco von Maltzan wurde sein Nachfolger ab 2009.

2002 konnte die HT TROPLAST AG einen Umsatz für ihre Profilaktivitäten von 636 Mio €, für HT Industries (Spezialhalbzeuge TROSIFOL und DYNOS) von 138 Mio € und für die TROCELLEN-Gruppe (mit Produktionsstätten in Troisdorf, Italien, Rumänien und Brasilien) von 81 Mio € ausweisen. Beschäftigt wurden 2002 im Ausland 1.413 und im Inland 3.243 Mitarbeiter.

Ab 2002 begann die HT TROPLAST AG mit einer unternehmensinternen Neuausrichtung: Alle Servicebereiche wie Recht/Zentralbüro (Frau Dr. Schug), Controlling/Finanzen (Dr. Ottokar Dietrich), Personal (Heiner Holwe), Beschaffung/Spedition (Dieter Graune, später Gerhard Schwager), Qualitätswesen/Arbeitssicherheit und Umweltschutz-QW.AS.US. (Dr. Volker Hofmann), Öffentlichkeitsarbeit/Werbung (Wolfgang Pohl) und Werk/Technik (Thomas Korp) mussten mit ihren Leistungsabnehmern, den Produktbereichen und Externen, individuelle Dienstleistungsverträge schließen, wobei hauptsächlich die abnehmenden Bereiche Umfang und Wert der Leistungen bestimmten. So mussten z.B. die Servicebereichsleiter mit den Produktbereichen über ihre einzelnen Leistungen wie z.B. Arbeitssicherheitsleistungen oder Mieten und Energiekosten etc. verhandeln und letztendlich vertraglich abschließen. Oft blieben Remanenzkosten übrig, die weitere Managementmaßnahmen (zu deren Abbau) erforderlich machten.  Diese Vorgehensweise wurde mit dem notwendigerweise geregelten Umgang mit externen Leistungsempfängern am Standort begründet. Im Nachherein wurden diese Maßnahmen auch als Vorbereitung für den anstehenden Verkauf von vielen gewertet.

Die HT TROPLAST AG war ein Tochterunternehmen der RÜTGERS AG, die wiederum unter der Ruhrkohle AG (RAG), Essen, firmierte. Die Geschicke des Unternehmens wurden weitgehend von der Mutter, der RÜTGERS AG in Essen, bestimmt, die wiederum eine Tochter der Ruhrkohle AG war. Dort war der maßgebliche Einfluss der „großen Politik“ wegen der nationalen Kohle- und Energiepolitik offen sichtbar und wirkte sich auch auf die HT TROPLAST AG aus.

In 2003 waren die Geschäftsfelder der RAG der deutsche Steinkohle-Bergbau (Ruhrgebiet und Saarland) mit einem Umsatzanteil von 20 Prozent, der hochprofitable Steinkohlebergbau in Übersee (hauptsächlich Australien, N- und S-Amerika), die kohlefernen Aktivitäten von Steag (Stromerzeugung), RAG Immobilien und RÜTGERS AG (mit Isola AG, Düren, Leiterplattenbasismaterial, HT TROPLAST AG, Bakelite AG, Iserlohn-Lethmate, Phenol- und Epoxidharze, Rütgers Automotive AG, Essen, Reibbeläge und Kunststoffformteile, Rütgers Organics, Mannheim und USA, Spezialchemikalien, und Rütgers VFT, Rauxel und Duisburg-Meiderich, Teerchemieprodukte) sowie ein Geflecht von hundert anderen Beteiligungen. Unter Karl Starzacher entwickelte die RAG den Plan, die E.on-Beteiligung an dem Düsseldorfer Spezialchemiekonzern Degussa (der aus dem Zusammengehen von Hüls AG und Degussa entstanden war) zu übernehmen. Starzacher wollte zur Finanzierung dieser Übernahme die Steag verkaufen. Tatsächlich wurden die Anteile an der Ruhrgas AG mit ministerieller Genehmigung aus dem Wirtschaftsministerium (Minister war damals Dr. Werner Müller/parteilos), durch Staatsekretär Tacke, an die E.on übertragbar gemacht; vollzogen dann am 31. Januar 2003 im Rahmen einer außergerichtlichen Einigung.

Am 1. Juni 2003 trat Dr. Werner Müller an der Spitze der RAG Aktiengesellschaft an. Er war vorher Bundes-Wirtschaftsminister im Kabinett Schröder in Berlin gewesen. Ihm wurde klar, dass die RAG in dieser Aufstellung langfristig nicht überlebensfähig war. Hauptsächlicher Grund hierfür war der Haftungsverbund zwischen den kohlefernen, also „weißen“ Industriebeteiligungen, und der im „schwarzen Bereich“ betriebenen subventionsbedürftigen Förderung deutscher Steinkohle. Damals steuerte der weiße Bereich jedes Jahr etwa 150 Mio € aus dem Nettoergebnis zur Kostendeckung des schwarzen Bereichs bei. In diesem Rahmen haftete der weiße Bereich auch in vollem Umfang für die Deckung der Ewigkeitskosten, wie sie aus der damals politisch gewollten mittelfristigen Beendigung des Steinkohlebergbaus in den deutschen Kohlerevieren entstanden wären. Für die vier Aktionäre der RAG, die E.on (aus der ehemaligen VEBA AG hervorgegangen), RWE, ThyssenKrupp und Arcelor hätte dies bedeutet, dass sie mit jedem Euro Investment primär die Haftungsmasse finanziert hätten und somit in Zukunft nie eine Dividende aus dem Unternehmen hätten erhalten können. Somit konnte die RAG keine frischen Mittel seitens seiner Aktionäre erwarten, und auch die Kreditfinanzierung durch Banken wurde wegen des politisch gewollten Ausstiegs aus der heimischen Kohleförderung und des damit verbundenen Haftungsfalls für die Ewigkeitskosten immer schwieriger. In jener Zeit entwickelte Müller den Zukunftsplan für die RAG: Der weiße Bereich sollte auf Rendite getrimmt werden und aus dem bestehenden Haftungsverbund mit Schwarz herausgelöst werden. In einem zweiten Schritt sollte ein neu zu bildender Industriekonzern (ohne den schwarzen Bereich) an die Börse gebracht werden und somit der Kapitalstock aufgebaut werden, der für die Finanzierung der Ewigkeitskosten benötigt werden würde.

Die Festschrift „EVONIK MAGAZIN SPEZIAL“ von 12/2008 berichtete wie folgt über die nun folgenden Aktivitäten der RAG: „Es beginnt ein Spiel, bei dem Müller viele Bälle gleichzeitig in der Luft halten muss. Zwischen 2003 und 2006 trennt sich RAG geräuschlos von 480 Firmen mit rund 35.000 Mitarbeitern und einem Umsatzvolumen von 8 Milliarden €. Gleichzeitig wird die Beteiligung an Degussa erst auf 50,1, Prozent, dann auf 93 Prozent aufgestockt. Die restlichen Aktionäre werden schließlich im Rahmen eines Squeeze-out abgefunden….. Anfang 2007 ist der Umbau im Wesentlichen vollzogen. Was jetzt ansteht, ist die Ausgliederung der Industrie AG unter neuer Marke (Evonik Industries AG) und der Aufbau der Stiftung als künftige 100-Prozent-Eigentümerin. Diese soll ihre Anteile in den Folgejahren in mehreren Tranchen am Kapitalmarkt platzieren und so den Kapitalstock für die Abdeckung der Bergbaufolgekosten aufbauen. Das geht nicht ohne ein zähes politisches Ringen: Zunächst sind die Alteigentümer zu überzeugen, ihre RAG-Anteile zum symbolischen Wert von 1 € an die Stiftung zu übertragen und sich somit von allen Haftungsrisiken des deutschen Steinkohlebergbaus freizustellen. Zeitgleich verhandelt Müller mit dem Bund, den Kohleländern Nordrhein-Westfalen und Saarland sowie der IGBCE (Gewerkschaft)…... Das Machtwort kommt schließlich von der Bundeskanzlerin Merkel selbst: grünes Licht für die Stiftungspläne und den Start der Evonik Industries AG am 12. September 2007.“ (Evonik  Industries AG vereinigt jetzt die Einzelmarken Degussa (Chemie), Steag (Energie) und RAG Immobilien (Wohnen).

Im Rahmen dieser strategischen Neuausrichtung der RAG wurde die HT TROPLAST AG durch die RÜTGERS AG unter Dr. Rzehak ab Mitte 2003 zum Verkauf gestellt (wie auch alle anderen RÜTGERS-Unternehmen). Werner Heep hatte sich zum 31. März 2003 vom Unternehmen RÜTGERS AG getrennt und seinen Vorstandsvorsitz dort niedergelegt.

2004 betrieb die profine GmbH mehr als 300 Extrusionsanlagen mit 3.750 Mitarbeitern, davon 2.500 Mitarbeiter in Deutschland, mit einer Jahreskapazität von 230.000 Tonnen. Profine erwirtschaftete 2004 einen Umsatz von 640 Mio € mit einem Exportanteil von 70 %. In 2004 wurde profine GmbH von Detlef Fahlbusch, Dr. Jörg Kariger und Helmut Marzahn als Geschäftsführer geführt, unter dem Dach der HT TROPLAST AG.

Am 7.6.2004 wurde auf Initiative von Dr. Volker Hofmann der „Verein Kunststoff-Museum Troisdorf (Museumsverein) e.V.“ als gemeinnütziger Verein gegründet. Etwa 18 Personen (meist ehemalige Führungskräfte der Dynamit Nobel AG und HT TROPLAST AG) waren die Gründungsmitglieder. Hauptaufgabe des Vereins war die Bewahrung und Weiterentwicklung der von Herrn Diplomchemiker Herbert Laubenberger gesammelten Kunststoffprodukte der Dynamit Nobel AG von 1905 an („100 Jahre Kunststoffe aus Troisdorf“), die Herr Wolfgang Pohl als damaliger Pressesprecher der HT 1998 in dem Werksmuseum in Geb. 73 (nahe dem Tor 1) museumsgerecht arrangiert hatte. Zum Vorstand wurden einstimmig gewählt: Vorsitzender: Dr. Volker Hofmann, Stellv. Vors.: Thomas Korp, Pressereferent: Wolfgang Pohl, Schatzmeister: Rainer Hardtke. Dieser Vorstand organisierte auch den notwendigen Umzug (wegen anstehendem Abriss von Geb. 73)  in das Geb. 346, der im Dezember 2007 durchgeführt wurde. Mit der Stadt Troisdorf wurde 2007 erreicht, dass in 2010 im Rahmen der NRW-Regionale 2010 mit Mitteln des Landes NRW ein Anbau an der Troisdorfer Burg Wissem bezogen werden könnte, so dass diese Sammlung dort in dem „Troisdorfer Industrie- und Stadtmuseum“ neben Exponaten anderer Troisdorfer Unternehmen öffentlich werden könnte.

Ende 2004 verkündeten die beiden Erwerber, die Carlyle Group und Advent International, dass sie HT TROPLAST AG erwerben werden. Dies geschah mit 55 % Anteilen bei Carlyle und 45 % bei Advent im Januar 2005. Nach Erwerb durch die Finanzgruppen Carlyle und Advent wurde Gerhard Sommerer (neben Dr. Christoph Schug) zum Vorsitzenden der Geschäftsführung von profine GmbH und der HT TROPLAST AG berufen.

Das TROSIFOL-Geschäft (Sicherheitsfolien für Verbundgläser auf Basis Polyvinylbutyral-PVB, Ltg.: Karl-Heinz Spieß) wurde von der RÜTGERS AG Ende 2004 an die japanische Kuraray-Gruppe veräußert. Kuraray war in Deutschland als Hersteller des Kunststoffrohstoffes PVB (und EVA) in Frankfurt am Main bereits unternehmerisch aktiv. Es betrachtete diese Investition als wertvollen Beitrag zu seiner langfristigen Unternehmensentwicklung. TROSIFOL hatte neben dem Troisdorfer Stammwerk auch eine Fertigungsstätte in Nishnij Nowgorod, Russland – so auch in 2008.

Der Immobilienbesitz, mit Gelände und Gebäuden, der HT TROPLAST AG am Standort Troisdorf wurden ab 1.1.2005 als Industriepark Troisdorf GmbH eigenständig weitergeführt. Die benötigten Gebäude wurden vermietet; Energien wurden von dort vertraglich bezogen, ebenso die Entsorgung wurde vertraglich geregelt (Modell: Industriepark mit Gelände, Gebäuden und Dienstleistungen). Am 1.1.2006 übernahm die Stadt Troisdorf mittels ihrer eigenen Troikomm GmbH den gesamten Immobilienbesitz und veräußerte im Dezember 2006 zum 1.1.2007 Teile davon (hauptsächlich die vermieteten Gebäude) an den Investor Keystone International GmbH, Langen bei Frankfurt am Main, der sie als T-Park GmbH weiterführte - so auch in 2008. Die restlichen Immobilien wurden von der Troikomm als TroPark GmbH Troisdorf geführt - so auch in 2008.

Im  Februar 2005 wurde die HT TROPLAST AG in die HT TROPLAST GmbH umfirmiert. Die HT betrieb damals das Profilgeschäft unter profine, die Schaumaktivitäten unter TROCELLEN GmbH und das Vulkanfibergeschäft als DYNOS mit einem Gesamtumsatz von 770 Mio € und 4.300 Beschäftigten.

Mit Wirkung vom 1. September 2005 wurde der Produktbereich DYNOS (Vulkanfiber aus Baumwolle, Leitung: Jürgen Schmidt) vom schweizerischen Finanzinvestor M2 Capital Partners übernommen. M2 Capital Partners bestand seit 1997 als Private-Equity-Gesellschaft mit einem Fondsvolumen von über 100 Mio €. Sie hatte sich auf den Erwerb mittelständischer Unternehmen in der Schweiz und Deutschland spezialisiert. Die Produktionsstätte in Troisdorf wurde weiterbetrieben – so auch in 2008.

Die HT TROPLAST GmbH veräußerte ihre TROCELLEN-Aktivitäten (vernetzte Polyolefin-Schäume, Ltg.: Johannes-Josef Klein) im Dezember 2005 an die japanische Furukawa Electrical CO., Ltd. and Otsuka Chemical  CO., Ltd.. Furukawa war 1972 der Lizenzgeber für das TROCELLEN-Verfahren an die damalige Dynamit Nobel AG. Auch dieser neue Eigner bewertete den Neuerwerb als besondere Stärkung seiner unternehmerischen Aktivitäten, insbesondere in Richtung Europa. Fertigungsstätten in Troisdorf, Italien, Rumänien - so auch in 2008.

Die unternehmerischen Aktivitäten der HT TROPLAST GmbH, wie sie mittlerweile firmierte, konzentrierten sich auf die Herstellung von Fenster- und Türprofilen und Platten mit den drei Marken TROCAL (aus Troisdorf), KBE (aus Berlin) und Kömmerling (aus Pirmasens) in der profine GmbH. Außerdem hatte die profine noch weitere Fertigungsstätten in Marmoutier/Frankreich (seit 1986), Bosaro/Italien (seit 1989), Madrid/Spanien (seit 1992), Woskresenz/Russland, bei Moskau (seit 2002), Tianjin/China (seit 1995) und Huntsville/Alabama, USA (seit 1996), letztere für Platten – so auch in 2008.

2006 betrug das Umsatzvolumen von profine 800 Mio € mit 2.250 Mitarbeitern in Deutschland und 3.600 Mitarbeitern, weltweit, mit einer Produktionskapazität von 450.000 Jahrestonnen an 26 Standorten in 21 Ländern.  Für 2007 wurde der konsolidierte Umsatz mit 863 Mio € angegeben.

Mit Genehmigung der EU-Kartellbehörden wurde der Verkauf der profine GmbH an Arcapita Mitte Oktober 2007 wirksam. Die Arcapita Bank B.S.C. beschrieb sich als führendes Investmenthaus mit Firmensitz in Bahrein. Es bezeichnete diesen Kauf als sein größtes Investment im Bausektor nach Erwerb von Paroc in Finnland (620 Mio $) und Tensar in USA (524 Mio $). Der neue Eigentümer wollte beim Erwerb des Unternehmens zusammen mit der Geschäftsführung (Dr. Christoph Schug und Hans Herpoel) die Strategie zur Förderung von Wachstum und Innovation fortsetzen. (Herr Gerhard Sommerer war aus der Geschäftsführung ausgeschieden, 2005-2007).

Am 12. März 2008 wurde Marco Freiherr von Maltzan (52) zum Vorsitzenden der Geschäftsführung (CEO) der profine GmbH vom Aufsichtsrat unter Frank Wojtalewicz berufen. Neben von Maltzan waren Albrecht P. Lange (Vertrieb, Marketing) und Dieter Mayer (Finanzen, CFO) als Geschäftsführer tätig.

Profine GmbH bezeichnete sich im Dezember 2008 mit 20 % Marktanteil als weltweit führender Anbieter der Branche.

(Quellen: eigene Datensammlungen, Google-Internetrecherchen, aktuelle Pressemitteilungen der Unternehmen,

bearbeitet: Dr. Volker Hofmann, Troisdorf, 4. Dezember 2008)