Daten zur Geschichte der Dynamit Nobel AG,

Teil VI, 1986 – 2008

„Züfa verliert ihren Namen, die Produktion wird 2008 eingestellt“

Unter dieser Überschrift veröffentlichte Karlheinz Ossendorf in den Troisdorfer Jahresheften von 2008 seinen Bericht über die Geschichte und endgültige Schließung der Züfa in 2008. Im Folgenden wird über das letzte Kapitel dieses Werks berichtet, das wie kaum ein anderes das industrielle Gesicht der Stadt geprägt hat.

Im Herbst 1986 konnte die Dynamit Nobel AG auf ihr 100-jähriges Bestehen in Troisdorf zurückblicken. Sie feierte damit auch „100 Jahre Zünder aus Troisdorf“, so der Titel einer Festschrift, die der Journalist Karlheinz Ossendorf aus Anlass des Jubiläums im Auftrag von Dynamit Nobel verfasst hatte. Denn mit der Herstellung von Zündern und Explosivstoffen hatte 1886 die Geschichte dieser später zum größten Werkskomplex von Dynamit Nobel heranwachsenden Neugründung in Troisdorf angefangen.
1986 fiel das Geschäftsjahr für Dynamit Nobel AG recht gut aus, berichtet Ossendorf. Die Sprengmittel-Sparte steigerte damals ihren Umsatz um sechs Prozent auf 723 Mio. DM; sie steuerte damit über 20 % zum Konzernumsatz von Dynamit Nobel in Höhe von 3.496 Mio. DM bei. Der Umsatzzuwachs lag hauptsächlich im Inland; die Exportquote lag bei 40 %.

Im Mai 1987 hatten sich erste Anzeichen einer Neuordnung der Dynamit Nobel AG angedeutet. Die Feldmühle Nobel AG (Feno) als Obergesellschaft der Dynamit Nobel und die damalige Hüls AG kamen überein, die Chemikalien- und Kunststoffaktivitäten der Dynamit Nobel AG, mit Ausnahme des in Weißenburg/Bayern ansässigen Geschäftsbereichs Formteile, an die Hüls AG zu übergeben. Die Arbeitsgebiete der Sprengmittel-Sparte sowie das Formteile-Geschäft von Dynamit Nobel sollten im Konzern der Feldmühle Nobel AG. verbleiben. Für das so verkleinerte Unternehmen prognostizierte Dr. Ernst Grosch, bis Ende 1987 CEO der „alten“ Dynamit Nobel AG, durch eine bessere Kapitalausstattung mit einer Eigenkapitalquote von großzügigen 35 % eine verbesserte Ausgangslage für künftige Entwicklungen, insbesondere in der Wehrtechnik. Das Mutterunternehmen Feldmühle sagte bei der Firmentrennung zu, dass es keine Entlassungen in ihrem Bereich geben werde. Zum 31. Dezember 1987 legte Dr. Ernst Grosch seinen Vorstandsvorsitz nieder und wechselte in den Vorstand der Feldmühle Nobel AG.

Am 1.Januar 1988 wurde die Trennung vollzogen. Die Sprengmittel-Sparte sowie die Formteile wurden mit dem alten Namen Dynamit Nobel auf ein neu gegründetes Unternehmen übertragen Es entstand die „neue“ Dynamit Nobel AG. Sie organisierte sich in vier Geschäftsbereichen und vier zentralen Hauptabteilungen und beschäftigte 6.500 von den vorher weltweit rd. 14.000 Mitarbeitern der „alten“ Dynamit Nobel. Die Züfa gehörte danach also neben den anderen Fertigungsstätten (Schlebusch, Stadeln, Würgendorf und Weißenburg und Pappenheim) unter dem weltweit bekannten Namen Dynamit Nobel weiterhin zum Feldmühle Nobel-Konzern. Neuer Vorsitzender des Vorstands wurde Dr. Axel Homburg.

Am Standort Troisdorf sollte die Unternehmenstrennung auch bald optisch sichtbar werden, wie der Züfa-Werkleiter Jürgen Zimmermann anlässlich der Weihnachtsfeier 1987 berichtete. Eine Mauer und ein Zaun würde von Tor 4 an der Kaiserstraße bis Tor 5 zur Trennung vom nun zur Hüls Troisdorf AG gehörenden Kufa (Kunststoff-Fabrik) gezogen werden. Es wurde zugesichert, dass die Sozialleistungen erhalten bleiben sollten.
Für den Außenstehenden sichtbar wurde die Teilung des Unternehmens auch durch das Einstellen der Werkszeitschrift „Dynamit Nobel“ Ende 1987. Ab 1988 gab es dann für die Mitarbeiter der neuen Dynamit Nobel die von Dipl.-Kfm. Ulrich Hopmann, Pressesprecher der alten wie der auch der neuen Dynamit Nobel, herausgegebene Werkzeitschrift „DN Echo“.

Schon in den ersten Januartagen des Jahres 1988 setzte das große Stühle- und Schreibtischrücken ein. Aus dem Gebäude (Doppel-Y-Bau) an der Kölner Straße, der B8, zogen die Mitarbeiter der Sprengmittel-Sparte in das der Dynamit Nobel verbliebene Verwaltungsgebäude (Hochhaus) an der Kaiserstraße. Die Bronzebüste des Firmengründers Emil Müller (1844 bis 1910), die über Jahrzehnte im Eingangsbereich des Verwaltungsgebäudes gestanden hatte und verschwunden schien, tauchte Mitte 1988 wieder auf und erhielt einen neuen Standort in der Züfa.

Anfang 1988 zwang die Marktlage dazu, in der Züfa Kurzarbeit einzuführen. Sie konnte jedoch schneller als erwartet Anfang April beendet werden.
Der Aufsichtsrat genehmigte im März 1988 ein Investitionsprogramm von 87 Mio. DM mit Schwerpunkten für Fertigungsanlagen in der Formteile-Fertigung, Weißenburg/Pappenheim, und in der Troisdorfer Züfa.
Im zweiten Quartal 1988 wurden allgemein verbindliche Leitlinien für den Umweltschutz bei Dynamit Nobel eingeführt.
Zum 31. Dezember 1988 übernahm Dynamit Nobel von der PAG Preßwerk AG in Essen, einer Tochtergesellschaft der Rütgerswerke AG, einen Teil der Produktion von Formteilen, und zwar die für Fahrzeug-Innenverkleidungsteile aus kaschierten Holzfaser-Kunststoffpressmatten.
Die neue Dynamit Nobel setzte 1988, in ihrem ersten Geschäftsjahr, 1.073 Mio. DM um.

Anfang 1989 wurde in der Züfa das neue Einziehhaus 2 für die automatische Fertigung von 25 Millionen Zündern pro Jahr in Betrieb genommen. Zur selben Zeit lief dort die Serienfertigung von Zündmitteln für das mittlere Artillerie Raketen System und die RB 63 Artillerie Munition für die Bundeswehr an.
Der im Sommer 1989 einsetzende Verfall der Rohölpreise am Weltmarkt ließ den Bedarf an Zündern für die Erdölexploration deutlich zurückgehen, wodurch wiederum Kurzarbeit in der Züfa nötig wurde.
Die bereits 1987 vereinbarte Kooperation mit dem US-amerikanischen Unternehmen Atlas Powder Co. zeigte Wirkung, indem 1989 bereits 20 Millionen Zünder aus Troisdorf für die amerikanischen Kunden geliefert wurden. Künftig sollten 30 % aller in USA eingesetzten Zünder aus Troisdorfer Fertigung stammen! Große Aufmerksamkeit in der Fachwelt konnte Dynamit Nobel mit ihrer hülsenlosen Munition und den sprengölfreien Emulsionssprengstoffen vom Typ Nobelit (für Bergbau und Tunnelgraben) erreichen.
Die seit Jahren entwickelten vollelektronischen Sprengzeitzünder mit genauester Zeitverzögerung konnten Mitte 1989 erstmals in der Praxis getestet werden. Sie erhielten beim ersten Versuch ihre Zulassung.
In der ersten Jahreshälfte ging mit dem Umbau der Werkseinfahrt an der Kaiserstraße die Ära der 90 Jahre alten Züfa-Torwache zu Ende. Gelangte man früher durch Tor 5 in die Züfa, bildete nun das nach vorne an die Kaiserstraße in Höhe der Sozialverwaltung verlegte neue Tor 1 den neuen Zugang. Im neuen Pförtnerhaus wurde auch der Werkschutz untergebracht
Am 18. Mai 1989 verkündete die VEBA AG (mit 44 Milliarden DM Umsatz damals das viertgrößte deutsche Unternehmen), sie wolle von einer Aktionärsgruppe unter Führung von Dr. Friedrich Christian Flick eine Beteiligung an der Feldmühle Nobel AG zum 1. Juni 1989 in Höhe von 40 % des Aktienkapitals erwerben. Das Bundeskartellamt erhob keine Einwände und so wurde der Deal vollzogen.
Für das Jahr 1989 meldete Dynamit Nobel einen Umsatz von 1.227 Mio. DM (plus 14 % gegenüber Vorjahr), davon entfielen 730 Mio. DM auf das Inland. Der Geschäftsbereich Sprengstoffe und Zündmittel konnte bei einem Umsatzanteil von 21 % eine vierprozentige Steigerung einfahren.

Das Jahr 1990 stand im Zeichen des weiteren Ausbaus des Konzerns. Mitte des Jahres erwarb Dynamit Nobel als 100%ige Tochter die Rohner AG in Pratteln/Schweiz und stärkte damit die eigene Spezialchemie erheblich. Rohner stellte Textilfarbstoffe, Diazotypie-Chemikalien und Graphische Chemikalien her. Dynamit Nobel hatte in der Jahrzehnte langen Vergangenheit aus der klassischen Explosivstoffchemie (Sprengstoffe, Azide) das Arbeitsgebiet Spezialchemie mit komplexen organischen Verbindungen, vor allem für pharmazeutische Verwendungen, und hohem Sicherheitsstandard bei ihrer Synthese (z.B. hochreines Nitroglycerin zur Behandlung von Angina pectoris) im eigenen Hause erfolgreich entwickelt.
Am 3. September 1990 kaufte Dynamit Nobel die schwedische Norma AB, die in Amersfors Jagd- und Sportmunition herstellte.
Schließlich erfolgte der Kauf der Menzolit GmbH in Kraichtal (faserverstärkte Kunststoffpressteile), womit Dynamit Nobel ihr Geschäft mit Kunststoff-Formteilen verstärkte. Menzolit bildete den neuen Geschäftsbereich Verbundwerkstoffe.
In der Züfa in Troisdorf wurde mit dem Bau der Halle 404 als Fertigungsstätte für Hoch-Präzisionsmetallteile aus Magnesium, Kupfer und Aluminium auf modernen CNC-Drehmaschinen und Drückwalzen begonnen. Diese Erweiterung des Metallbetriebs diente zur Absicherung der Troisdorfer Arbeitsplätze bei sich abzeichnendem langfristig rückläufigem Zünderbedarf.

Ende April 1990 verkaufte die VEBA ihre mittlerweile 50%ige Beteiligung an der Feldmühle Nobel AG (Feno) an den schwedischen Papierkonzern STORA AB, Falun. Die STORA verfügte danach zusammen mit der ebenfalls zum schwedischen Wallenberg-Konzern gehörigen AB Patricia über 85 % des Feno-Aktienkapitals. Feno hatte damals einen Umsatz von 9,5 Milliarden DM im Jahr und 35.000 Mitarbeiter. Das Hauptinteresse der STORA an der Feno lag verständlicherweise in den Papieraktivitäten der Feldmühle AG. Die Dynamit Nobel AG stand von Anfang an zur Disposition. Am 6. September veröffentlichte STORA ihren diesbezüglichen Plan: Die Papieraktivitäten der Feldmühle AG würden in den STORA-Konzern integriert, die Feno sollte zukünftig nur noch aus der Dynamit Nobel AG, der Buderus AG/Wetzlar und dem Arbeitsgebiet Technische Produkte der Feldmühle AG (Technische Keramik und Schleifmittel) bestehen.

Bis Ende 1990, drei Jahre nach Neuordnung, gelang es Dynamit Nobel, den Konzernumsatz um 50 % auf 1.637 Mio. DM zu steigern. Bis dahin hatte das Unternehmen 354 Mio. DM investiert.  Die in 1990 durchgeführten Maßnahmen zur Abrundung einzelner Geschäftsfelder schlugen sich in der Personalstatistik mit einem Zuwachs der Beschäftigtenzahl um 1.265 auf 8.646 nieder.

Mit Wirkung vom 24. Februar 1991 wurde der Vorstandsvorsitzende der Dynamit Nobel AG, Dr. Axel Homburg, in den Vorstand der Feldmühle AG berufen.
Um das Werk Troisdorf in der Energieversorgung unabhängig zu machen, baute das Werk eine eigene Erdgas befeuerte Dampferzeugungsanlage. Eine völlig neu konzipierte vollautomatische Anlagengruppe zur Fertigung von Verzögerungskörpern für elektrische Zünder wurde in Betrieb genommen.
Zur Befriedigung des gestiegenen Bedarfs an Natriumazid (u.a. als Treibstoff für Gasgeneratoren im Airbag und im Gurtstrammer) plante Dynamit Nobel eine größere Produktionsanlage neben der seit 1908 betriebenen in Troisdorf. Hierzu mussten 132 Aktenordner an Genehmigungsunterlagen mit 370 kg bedrucktem Papier für die Behörden erstellt und 600 Dokumente vom Werkleiter Jürgen Zimmermann sowie dem Konzernbeauftragten für Umweltschutz, Dr. Armin Junker, und dem Umweltschutzbeauftragten in der Züfa, Herbert Bücher, unterschrieben werden.
Der Umsatz erhöhte sich 1991 um 128 Mio. DM auf 1.765 Mio. DM. Zum Konzernumsatz steuerten die Sprengstoffe und Zündmittel 19 % bei. Die Mitarbeiterzahl betrug Ende 1991 8.526.

Zum 1. Januar 1992 verkaufte die STORA die Teilkonzerne Buderus AG, Dynamit Nobel AG und Cerasiv GmbH (Technische Keramik und Schleifmittel der Feldmühle AG mit Werken in Plochingen und Wesseling) an die Frankfurter Metallgesellschaft (MG). Somit wechselten 22.500 Mitarbeiter und ein Jahresumsatz von 4,6 Milliarden DM unter das Dach der MG. Diese brachte die drei Teilkonzerne in eine eigene Holding, die MG Industriebeteiligungen AG (MGI), ein, an der die Deutsche Bank und die Dresdner Bank mit je 10 % beteiligt wurden. Zu Dynamit Nobel gehörten die Geschäftsbereiche Formteile, Verbundwerkstoffe, Sprengstoffe/Zündmittel (inkl. Spezialchemie), Wehrtechnik und Zivilmunition. Dr. Heinz Schimmelbusch, Vorstandsvorsitzender der Metallgesellschaft AG, übernahm am 31. März 1992 den Vorsitz im Aufsichtsrat der Dynamit Nobel AG.

Im eingeschobenen Rumpfgeschäftsjahr 1.1.-30.9.1992 wurde die Cerasiv GmbH als neues Geschäftsfeld Hochleistungskeramik in den Dynamit Nobel Konzern eingegliedert. Die Cerasiv GmbH hatte damals einen Umsatz in der Größenordnung von 300 Mio. DM; sie beschäftigte 1.640 Mitarbeiter.
Den zweiten Erweiterungsschritt unternahm Dynamit Nobel im Juni 1992 mit dem Erwerb der Anteile an der Chemetall Gesellschaft für chemisch-technische Verfahren mbH, Frankfurt, von der Metallgesellschaft. Damit avancierte Dynamit Nobel zum Kernunternehmen für Chemie im Konzern der Metallgesellschaft. Die Chemetall-Gruppe war in den Bereichen Oberflächentechnik, Polymerchemie (Glasdichtungsmassen) und Feinchemie (Lithium- und Caesiumverbindungen) mit guten Marktanteilen tätig. Sie bildete jetzt das neue Geschäftsfeld Spezialitäten-Chemie. Ihr Geschäftsvolumen lag 1992 bei ca. 700 Mio. DM; im In- und Ausland waren etwa 2.800 Mitarbeiter beschäftigt.

Insgesamt belief sich der Weltumsatz von Dynamit Nobel im Rumpfgeschäftsjahr auf 2.175 Mio. DM. Die Belegschaft bestand am 30.9.1992 aus 12.319 Mitarbeitern, das waren 3.793 mehr als am 31.12.1991.
Der Umsatz des MG-Konzerns stieg durch den Firmenerwerb auf 26,5 Mrd. DM. Allerdings musste die MG einen Ergebnisrückgang von 316 auf 245 Mio. DM verzeichnen.

Dynamit Nobel legte für 1992/1993 ein anspruchsvolles Investitionsprogramm von 250 Millionen DM auf. Neue Zündsysteme wie der druck- und temperaturbeständige Sprengzünder Dynawell 1018 für Aufschlussarbeiten in Erdöl- und Erdgasfeldern sowie wärmebeständige Sprengschnüre wurden entwickelt. In Troisdorf wurde auch der Aufbau der Serienproduktion für den Rohrgasgenerator RGG 800 für den Volkswagen-Airbag betrieben. Mit der Fibrit GmbH, Krefeld, wurde ein Joint Venture zur Herstellung großflächiger Innen-Trim-Teile für die Automobilindustrie betrieben.
In der Nacht vom 19. auf 20. November 1993 kam es gegen 21.30 Uhr zu einem Brand in der Troisdorfer Natriumazid-Fertigung. Die dreiköpfige Bedienmannschaft löste sofort Alarm aus, 180 Feuerwehrleute standen im Einsatz. Gegen 3.30 Uhr am folgenden Samstagmorgen galt die Ausbreitung des Brandes als gebannt. Menschen waren nicht zu Schaden gekommen. Es gab auch keine negativen Umweltauswirkungen.
Das erste Geschäftsjahr von Dynamit Nobel im MG-Konzern bewertete der Vorstandsvorsitzende Dr. Axel Homburg positiv. Die Eingliederung von Chemetall und Cerasiv in die neue Konzernstruktur von Dynamit Nobel habe sich bewährt, stellte er vor der Presse fest. Vom 1. Oktober 1992 bis 30. September 1993 habe der Konzern 2.515 Mio. DM umgesetzt. Das Ergebnis belief sich auf 65 Mio. DM (entsprechend einer Umsatzrendite von 2,6 %). Der Konzern beschäftigte am 30.9.1993 11.249 Mitarbeiter.

Nicht ihr eigenes Unternehmen, sondern die Frankfurter Metallgesellschaft machte den Troisdorfern über den Jahreswechsel 1993/94 Sorge. Die Frankfurter MG war Ende 1993 durch riesige Verluste bei Öltermingeschäften in die akute Schieflage geraten. Auch außerhalb des Ölgeschäfts waren erhebliche bilanzielle Korrekturen nötig. Die Gesellschaft erwies sich als überschuldet. Ein überwiegend neu besetzter Vorstand erarbeitete ein Rettungskonzept, dem die Gläubiger nach zähem Ringen zustimmten. Im Rahmen eines Programms zur Kostensenkung plante die MG, 10.000 Arbeitsplätze abzubauen.
Die Nachfolge für den Ende 1993 zurückgetretenen Vorstandsvorsitzenden der Metallgesellschaft, Dr. Heinz Schimmelbusch, trat Dr. Karl Josef Neukirchen an, der zugleich auch neuer Chef des Aufsichtsrats der Dynamit Nobel AG wurde.

In der mit Spannung erwarteten Rede auf der traditionellen Troisdorfer Jubilarfeier konnte Axel Homburg im Januar 1994 für Dynamit Nobel Entwarnung geben: “Die Krise bei der Frankfurter Metallgesellschaft, die das Unternehmen an den Rand des Konkurses geführt hat, hat keine Auswirkungen auf den Dynamit Nobel Konzern.“ Dynamit Nobel habe nicht zur Schieflage bei der MG beigetragen, sondern im Gegenteil die Obergesellschaft positiv unterstützt. Es bestehe kein Organschaftsvertrag (z.B. zur Gewinnabführung) mit der Obergesellschaft. Daher sei Dynamit Nobel AG ein eigenständiges Unternehmen. Es sei in seinen verschiedenen Märkten gut etabliert und verfüge über eine hervorragende Eigenkapitalausstattung, so dass man in der Lage sei, den eigenen Weg zu gehen. Allerdings müssten alle Reserven gehoben und alle Anstrengungen unternommen werden, den nötigen Cashflow zu steigern, um, ohne Fremdmittel in Anspruch nehmen zu müssen, die notwendigen Investitionen durchführen zu können, die die Substanz sichern, die Ertragskraft steigern und der Geschäftsausweitung dienen sollten.
In der Züfa wurde die neue Fertigung elektronischer Dynatronic-Zünder unter Reinstraum-Bedingungen begonnen. In diesen Dynatronic-Zündern übernahm ein elektronischer Chip statt eines herkömmlichen pyrotechnischen Verzögerungssatzes die Aufgabe, den Zünder (Millisekunden-Zünder) präzise zu einem genau bestimmten Zeitpunkt zur Detonation zu bringen.

In der zweiten Hälfte des Jahres 1994 zeichneten sich erste Erfolge bei der Neuausrichtung der Metallgesellschaft ab. Das Frankfurter Unternehmen trennte sich von der Wetzlarer Buderus AG. Damit verlor die MG die Funktion als Holding. Sie wurde Juni 1994 in eine GmbH umgewandelt und firmierte seitdem als Metallgesellschaft Industrie GmbH.

Am 30. September 1994 beschäftigte Dynamit Nobel im In- und Ausland 10.716 Mitarbeiter, der konsolidierte Weltumsatz betrug im Geschäftsjahr 1993/1994 2.471 Mio. DM.
Im November 1994 übernahm Dynamit Nobel AG rückwirkend zum 1. Oktober 1994 von der MGI die Sachtleben Chemie GmbH und die Chemson Gruppe. Dadurch erhöhte sich der Chemieanteil im Produktangebot des Dynamit Nobel Konzerns beträchtlich. Zum Konzernumsatz kamen insgesamt 740 Mio. DM hinzu. Dynamit Nobel überschritt die 3-Milliarden-Mark-Umsatzgröße.

Zu Beginn des neuen Geschäftsjahres 1994/1995 trat eine neue Konzernstruktur in Kraft. Die Dynamit Nobel AG in Troisdorf übernahm die Rolle einer operativ orientierten Management-Holding. Das operative Geschäft lag von nun an in den Händen von fünf rechtlich selbständigen Geschäftsfeldern:

Sprengmittel (Dynamit Nobel GmbH Explosivstoff- und Systemtechnik), 
Kunststoffe (Dynamit Nobel Kunststoff GmbH)
Hochleistungskeramik (Cerasiv GmbH)
Spezialitäten-Chemie (Chemetall GmbH) und
Pigmentchemie (Sachtleben Chemie GmbH)


Der Vorstand der Holding beschäftigte sich vor allem mit den strategischen und übergeordneten operativen Aufgaben. Zusätzlich bot die Holding eine Reihe von Dienstleitungen, so z.B. Finanzen, Controlling, Führungskräfteentwicklung, Patentwesen, Öffentlichkeitsarbeit, Umweltschutz, Recht und Steuern. In der Holding arbeiteten etwa 100 Mitarbeiter. Der Vorsitzende des Vorstands der Dynamit Nobel AG war Dr. Axel Homburg. Er war in Personalunion Vorsitzender der Geschäftsführung der Dynamit Nobel GmbH Explosivstoff- und Systemtechnik (DNES) mit etwa 3.800 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 850 Mio. DM.

Der Dynamit Nobel Konzern hatte sich im Geschäftsjahr 1994/95 erfolgreich entwickelt. Der konsolidierte Weltumsatz war um 1 Mrd. DM oder 43 % auf 3.529 Mio. DM gestiegen. Die Umsatzrendite hatte sich um 2,5 % auf 4 % verbessert. Dynamit Nobel beschäftigte am 30. September 1995 weltweit 13.215 Mitarbeiter, 2.499 mehr als am Vorjahresstichtag.

Als die Bundeswehr im Herbst 1995 ihr 40-jähriges Jubiläum feierte, hatte auch Dynamit Nobel Anlass zum Feiern: 40 Jahre war sie Partner, vor allem des Heeres. Seit 1957 lieferte sie Explosivstoffe, verschiedene Munitionsarten, Komponenten und komplette Waffensysteme. Einen Schwerpunkt bildete die Panzerabwehr mit der Panzerfaust 2, Typ Lanze, der Weiterentwicklung Panzerabwehrfaust 3 und der Minengefechtskopf für das leichte Artilleriesystem 110 mm (LAR). Bei der Entwicklung der „intelligenten“ Panzerabwehrmine AT2 hatten Bundeswehr und Dynamit Nobel von Anfang an Wert auf einen programmierbaren Selbstzerstörungsmechanismus - zum Schutz der Zivilbevölkerung wie der eigenen Truppe- gelegt. Obwohl dieses Panzerabwehrsystem im Auftrag der und nur für die deutsche Bundeswehr entwickelt und gefertigt worden, aber nie zum Einsatz gekommen war, geriet Dynamit Nobel in das Fadenkreuz der Antiminenkampagne. Die Kritiker warfen Dynamit Nobel vor, dass die AT2-Mine in Krisengebieten der Dritten Welt gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt werde und Dynamit Nobel Schuld am Tode von Müttern und Kindern trage. Nach jahrelangen Auseinandersetzungen stellte Dynamit Nobel die Produktion der AT2-Mine im Dezember 1995 komplett ein.

1995 übernahm Dynamit Nobel federführend die Entwicklung der kompletten Kunststoff-Außenverkleidung des Smart Automobils von Mercedes. Die Produktion begann 1997 in Hambach in Lothringen mit etwa 200 Arbeitsplätzen.
Einen Durchbruch erzielte Dynamit Nobel bei der Entwicklung schadstoffarmer Airbag-Gasgeneratoren, die bei „unfallbedingter Aktivierung des Systems“ nur unbedenkliche Schadstoffmengen freisetzten.
Seit der Neuordnung der „alten“ Dynamit Nobel im Jahr 1988 hatte sich der Jahresumsatz bis zum Ende des Geschäftsjahres 1994/95 mehr als verdreifacht und belief sich, auf 3,529 Milliarden Mark. Dazu trugen die Sprengmittel 887 Mio. DM, die Kunststoffe 847 Mio., die Hochleistungskeramik 280 Mio., die Spezialitäten-Chemie 694 Mio. DM und die Pigmentchemie 552 Mio. DM bei.

Im Geschäftsjahr 1995/96 kam es zu einer starken Veränderung im Geschäftsfeld Hochleistungskeramik Das nicht in die Hightech-Philosophie von Dynamit Nobel passende Schleifmittelgeschäft wurde veräußert, im Gegenzug erfolgte der Erwerb der Hoechst CeramTec AG, einer der führenden Hersteller von Funktionskeramik, zum 1.Januar 1996. Damit konnte der Dynamit Nobel Konzern das Geschäftsfeld Hochleistungskeramik erheblich ausbauen. Die Cerasiv GmbH und die Hoechst CeramTec AG wurden unter einem Dach zur neuen CeramTec AG vereint.

In der Jahresmitte 1996 wurde Dr. Friedrich Heinemeyer zum neuen Leiter der Züfa bestellt. Sein Vorgänger Jürgen Zimmermann, der dieses Amt 10 Jahre innehatte, wurde Geschäftsführer der Dynamit Nobel GmbH Explosivstoff- und Systemtechnik (DNES).
Mitte Juli 1996 ging die DNES mit dem estnischen Bergbauunternehmen Eesti Polevkivi ein Joint Venture ein; die DNES beteiligte sich mit 65 % und der estnische Partner mit 35 %. Das Gemeinschaftsunternehmen errichtete in Estland eine Anlage zur Produktion von Emulsionssprengstoffen. Die Produkte waren hauptsächlich für den Ölschieferabbau im Baltikum bestimmt. Ölschiefer hat im Baltikum eine hohe volkswirtschaftliche Bedeutung. Er wird in der chemischen Industrie und zur Stromerzeugung genutzt.
Der Dynamit Nobel Konzern vermeldete für das Geschäftsjahr 1995/1996 einen Umsatz von 3.707 Mio. DM und ein Ergebnis vor Ertragssteuern von 191 Mio. DM.

Im Herbst 1996 geriet die DNES in die Verlustzone, weil die Nachfrage nach Zündern rapide nachließ. Etwa 60 Arbeitsplätze sollten in Troisdorf abgebaut werden. Mit Kurzarbeit versuchte die ZÜFA um die Jahreswende 1996/97 aus der schwierigen wirtschaftlichen Lage herauszukommen. Nach Besserung der Nachfragesituation im Laufe des Jahres 1997 konnten die Kurzarbeit beendet werden.
Zum 1. April 1997 gliederte die Dynamit Nobel AG ihr Rechenzentrum in Troisdorf und das in Weißenburg aus und bediente sich fortan der „debis Systemhaus GmbH“ für die Erarbeitung der Werkszahlen.
Zum 1. Juli 1997 erwarb Dynamit Nobel AG von der Phoenix AG in Hamburg das Kunststoffgeschäft. Phoenix mit Werken im niedersächsischen Reinsdorf und im hessischen Sterbfritz produzierte Innen- und Außenteile wie Stoßfänger, Schwellen, Seitenverkleidungen, Konsolen und andere Teile für Autos, Motorräder und Nutzfahrzeuge. Dieser Unternehmensteil hatte 1996 mit 730 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von 160 Mio. DM.
Dr. Axel Homburg wechselte am 30. September 1997 nach zehnjähriger Amtszeit als Vorstandsvorsitzender der Dynamit Nobel AG in den Aufsichtsrat. Zu seinem Nachfolger wurde am 1. Oktober 1997 Dr. Fritz Lehnen bestellt.

Der Dynamit Nobel Konzern erzielte im Geschäftsjahr 1996/97 einen Umsatz von 4.100 Mio. Mark. In seinem Jahresrückblick bei der Jubilarfeier im Januar 1998 führte Vorstandsvorsitzender Dr. Fritz Lehnen den Erfolg auf die wiederum erweiterte Auslandspräsenz des Unternehmens mit 125 Stützpunkten in 36 Ländern und einem Auslandsumsatz von 58 % zurück. Auch in Zukunft, so Lehnen, führe kein Weg an der Auslandsorientierung des Unternehmens vorbei.

Am 27. Oktober 1997 wurde im lothringischen Hambach in Anwesenheit von Bundeskanzler Kohl und dem französischen Staatspräsidenten Chirac der Startschuss für die Produktion des smart gegeben. Dynamit Nobel fertigte dafür als Systempartner im Industriepark „smartville“ die gesamte Kunststoff-Außenverkleidung aus durchgefärbten (nicht lackierten) Kunststoffteilen mit makelloser Oberfläche und Brillanz. Für die Herstellung des „Costumized Body-Panel Systems“ zeichnete die Internationale Gesellschaft für Kunststofftechnik die Dynamit Nobel Kunststoff GmbH mit dem ersten Preis aus.
Zur Standortsicherung in Troisdorf wurde das Modell „Funktionsarbeitszeit“ mit flexibler Arbeitszeitgestaltung –je nach Auftragslage- und Arbeitszeitguthaben eingeführt.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten lief im März 1998 in Estland die Produktion des Emulsionssprengstoffs Nobelit 2030 mit 35 Tagestonnen an; der Sprengstoff wurde mit Pumpwagen in die Tagebaue transportiert.
Im Juli 1998 verabschiedet sich Hermann Morgenstern nach 32jähriger Tätigkeit im Unternehmen aus seinem Vorstandsamt; als sein Nachfolger als Vorstandsmitglied und Arbeitsdirektor wurde Alexander Loh, bisheriger Personalleiter der Metallgesellschaft, berufen.
Im Herbst 1998 löste Hans-Joachim Bauer den bisherigen Werkleiter in Troisdorf, Dr. Friedrich Heinemeyer, ab. Heinemeyer übernahm die Leitung der Strategischen Geschäftseinheit Wehrtechnik.

Im Geschäftsjahr 1997/98 konnte Dynamit Nobel den Konzernumsatz auf 4.482 Mio. DM steigern und das wirtschaftliches Ergebnis um 30 % auf 268 Mio. DM erhöhen; das Geschäftsfeld Sprengmittel der DNES verzeichnete aber einen leichten Umsatzrückgang um 10 Mio. DM auf 795 Mio. DM. Die Mitarbeiterzahl war im Konzern auf 16.028 gestiegen.

Zum Anfang des Geschäftsjahres 1998/99 brachte der Erwerb der Cyprus Foot Mineral Company einen bedeutenden Lithium-Produzenten aus den Vereinigten Staaten in den Dynamit Nobel Konzern. Mit der Eingliederung in die Chemetall-Gruppe wurde Dynamit Nobel zum weltweit führenden Lithium-Produzenten.
1999 stand die Metallgesellschaft vor einem dritten radikalen Umbau. Sie plante, den Bochumer Anlagenspezialisten Gea zu erwerben. Die „Ertragsperle“ der Metallgesellschaft, der Dynamit Nobel Konzern, war von dieser Veränderung aber nicht betroffen.
Im September 1999 sah sich Dynamit Nobel gezwungen, Berichte zu dementieren, das Unternehmen wolle auf die Produktion von Sprengstoffen verzichten. Sie bleibe nach wie vor der größte deutsche Hersteller von Sprengstoffen und Zündmitteln für die Steingewinnung, den Tunnelbau, andere Infrastrukturarbeiten und die seismische Exploration. Das Werk Troisdorf, die Züfa, sei u.a. führend in der Produktion der in der Sprengtechnik benötigten Zündmittel wie elektronische Zündsysteme, Perforatoren, Sprengschnüre und Zündmittel für die Erdöl- und Erdgasförderung.
Im Herbst 1999 ging die DNES ein Joint Venture mit der Orica Europe Limited mit Sitz in Manchester/UK ein, deren gemeinsames Ziel die Entwicklung und Herstellung von elektronischen Zündsystemen war. Die DNES, die ihre Erfahrung mit ihren elektronischen Dynatronic-Zündern in die gemeinsame Firma „Precision Blasting Systems GmbH“ mit Sitz in Troisdorf einbrachte, hielt 51 % an dem Unternehmen. Orica Europe gehörte zur australischen Orica Ltd. (Melbourne), dem weltweit führenden Produzenten von Sprengmitteln für den Bergbau und die Bauindustrie mit einem Jahresumsatz von 1,2 Milliarden DM. Orica war aus der Sprengmittelsparte der ehemaligen ICI hervorgegangen.

Im Geschäftsjahr 1998/99 setzte der Dynamit Nobel Konzern 4.673 Mio. DM um (Sprengmittel: 779 Mio. DM, Kunststoffe: 1.409 Mio. DM, Hochleistungskeramik: 512 Mio. DM, Spezialitäten-Chemie: 1.357 Mio. DM, Pigmentchemie: 631 Mio. DM) und hatte am 30. September 1999 weltweit 15.976 Mitarbeiter, davon waren in Deutschland 10.901 und im Ausland 5.075 Mitarbeiter beschäftigt.

Mit dem Erwerb des britischen Unternehmens Brent International Plc. zum 1.September 1999 konnte die Chemetall GmbH (Geschäftsfeld Spezialitäten-Chemie) ihre Position als Global Player im Kerngeschäft mit Chemikalien zur Oberflächenbehandlung von Metallen weiter ausbauen.
Bei der DNES waren zum Jahresende 1999 die Befürchtungen vom Jahresanfang ausgeräumt, denn das Basisgeschäft mit Zündern für den gewerblichen wie auch den militärischen Bereich hatte sich positiv entwickelt und die Zusammenarbeit mit Orica hatte DNES einen kräftigen Schub bis hin zur Führerschaft bei elektronischen Zündern gebracht.
Nach 50 Jubilarfeiern in den letzten 50 Jahren in Troisdorf trafen sich die Jubilare der „Pulver“, wie die Züfa im Volksmund noch allgemein hieß, und des Werks Schlebusch nach der Jahrtausendwende  (Januar 2000) im Landgasthof „Naafshäuschen“. „Wie geht es mit Dynamit Nobel weiter?“ war der vorherrschende Gesprächsstoff. Fritz Lehnen nannte die Ergebnisse des Jahres 1999 „die Früchte harter Arbeit und schmerzhafter Entscheidungen“ und kündigte als Zukunftsthemen die Globalisierung und internationale Vernetzung des Unternehmens an. Dabei werde auch die Arbeitswelt des einzelnen tangiert werden, und es würden wichtige Themen für alle bleiben wie Teilzeit- und Projektarbeit, Berufspausen, Arbeitsplatzwechsel und Auslandstätigkeit – mit anderen Worten: Eine  Forderung nach hoher Flexibilität jedes einzelnen!

Nach drei Jahren als Vorstandsvorsitzender bei Dynamit Nobel wechselte Dr. Fritz Lehnen zum 1. August 2000 in den Vorstand der Muttergesellschaft MG. Nachfolger als Vorsitzender des Vorstands der Dynamit Nobel AG wurde Jörg Deisel, bis dahin Vorstandschef der CeramTec AG (Hochleistungskeramik).

Der Strukturwandel im Dynamit Nobel Konzern wurde im Geschäftsjahr 1999/2000 von Umsatz- und Gewinnsteigerungen im zweistelligen Bereich begleitet. Der erstmals in der neuen Währung EURO aufgestellte Jahresabschluss zeigte einen Umsatz von 2,681 Mio. Euro (plus 12 % gegenüber Vorjahr) und einen Gewinn vor Steuern von 242 Mio. Euro (plus 51 %), was  einer Umsatzrendite von stolzen 9 % entsprach. Die Bilanz summierte sich auf 1.933 Mio. Euro, wovon 667 Mio. Euro Eigenkapital waren; das entsprach einer Eigenkapitalquote von komfortablen 34 Prozent. Die Mitarbeiterzahl war auf 16.256 gestiegen.
Deutlich zurückgegangen war aber die Bedeutung des Geschäftsfeldes Spreng-mittel. 1988, zwölf Jahre zuvor, als die Dynamit Nobel AG neu aufgestellt worden war, wies die „neue“ Dynamit Nobel einen Umsatz von rd. 1 Mrd. Mark aus. Damals trugen Sprengstoffe und Zündmittel, Wehrtechnik und Zivilmunition gut zwei Drittel zum Umsatz bei (726 Mio. DM). Vor der Jahrtausendwende fiel der Umsatz dieses Geschäftsfeldes mit 383 Mio. Euro (entsprechend rd. 755 Mio. DM) absolut zwar etwas höher aus, der Anteil am Konzernumsatz betrug aber nur noch 14 %.

Anfang Dezember 2000 wurde in Troisdorf der fünfmillionste Gasgenerator für den Gurtstrammer produziert. Der kleine Generator ist etwa so groß wie eine Zigarette und kann bei einem Unfall Leben retten, indem er bei einem Aufprall des Wagens den Sicherheitsgurt anspannt, somit den betroffenen Insassen gegen die Rücklehne seines Sitzes presst und dadurch ein mögliches gefährliches Stürzen nach vorne verhindert.
Das Jahr 2001 brachte weitere Veränderungen im Portfolio, am deutlichsten im Geschäftsfeld Sprengmittel der DNES. Der Veräußerung der industriellen Sprengsysteme für Bau und Bergbau mit einem Jahresumsatzwert von 60 Mio. DM an den australischen Weltmarktführer Orica Ltd. zum 1. März 2001, folgte der Verkauf der Dynaform GmbH mit dem Arbeitsgebiet Metallumformung zum 30. April 2001 und der Verkauf der Spezialprodukte für Seismik- und Ölfeldanwendungen sowie der Sprengplattierung in Form eines Management-Buy-outs zum 30. September 2001. Diesen Desinvesitionen steht der Erwerb des französischen Chemieunternehmens Sylachim S.A. zum 1.März 2001 gegenüber, die hochwertige Zwischenprodukte und Pharmawirkstoffe (80 Mio. Euro Jahresumsatz) produzierte. Mit diesen Transaktionen verlagerte sich der Schwerpunkt dieses Geschäftsfeldes von klassischen, aber wachstumsarmen Produkten hin zu der wachstumsstarken Spezialchemie, insbesondere den Kundensynthesen für die Life Science-Industrie.
Von der Umstrukturierung waren 500 Mitarbeiter in der Züfa in Troisdorf und in Burbach-Würgendorf betroffen. Durch die Abgabe der Zünderproduktion nahm die industrielle Bedeutung des Standorts Troisdorf für Dynamit Nobel AG ab, wenn auch Troisdorf weiterhin Sitz der Holding mit etwa 100 Mitarbeitern blieb. Dynamit Nobel wandelte sich vom traditionellen Industriekonzern zum Hightech-Unternehmen. Die Sprengmittel, ab 1886 das Aushängeschild von Dynamit Nobel, waren aus dem Konzern ausgeschieden. Verblieben waren die Geschäftsbereiche Wehrtechnik, deren Umsätze im Zuge der drastischen Kürzungen im deutschen Verteidigungshaushalt zweistellig zurückgegangen waren, sowie Munition für Jagd und Sport, mit der die DNES auf einem stagnierenden Markt tätig war.
Zum wichtigsten Kunden des Dynamit Nobel Konzerns war mittlerweile die Automobilindustrie mit 35 % Umsatzanteil avanciert. Den Löwenanteil dazu trug
das Geschäftsfeld Kunststoffe mit Präzisionsformteilen und Faserverbund-Werkstoffen bei. Mit dem bereits im Dezember 1998 erfolgten Erwerb der Emplast SA in Argentinien hatte Dynamit Nobel sogar einen Automobilzulieferer auf südamerikanischem Boden akquiriert. Aber auch die anderen Geschäftsfelder tätigten große Teile ihres Geschäfts mit der Fahrzeugindustrie, so die Sprengmittel mit Gasgeneratoren für Airbags und Gurtstraffer, die Hochleistungskeramik mit Schneidwerkstoffen für die Blechbearbeitung, die Spezialitäten-Chemie mit Chemikalien und Verfahren zum Korrosionsschutz der Autokarosserien und die Pigmentchemie mit Pigmenten für Autolacke.

Trotz der allgemeinen Konjunkturschwäche lieferte der Dynamit Nobel Konzern im Geschäftsjahr 2000/2001 das höchste Ergebnis seiner Geschichte ab: Bei einem leicht auf 2.639 Mio. Euro ermäßigtem Umsatz konnte das Ergebnis vor Steuern von 242 Mio. Euro auf 272 Mio. Euro verbessert werden. Die Umsatzrendite überstieg erstmals die Marke von 10 %. Die Mitarbeiterzahl betrug 14.906.

Im ersten Quartal 2002 sorgten unheilvolle Nachrichten von der inzwischen in „mg technologies ag“ umbenannten Muttergesellschaft (ehemals Metallgesellschaft AG) in Frankfurt für einige Aufregung in Troisdorf: Wegen der Konjunkturschwäche und dem sich abzeichnenden Gewinnrückgang bei der MG schloss der MG-Vorstandsvorsitzende Kajo Neukirchen einen weiteren drastischen Stellenabbau im MG-Konzern nicht aus. Nach Auffassung des MG-Vorstands hatte sich die Konjunktureintrübung insbesondere im Chemiebereich bemerkbar gemacht. Tatsächlich waren bei Dynamit Nobel im ersten Halbjahr des neuen Geschäftsjahres 2001/02 der Umsatz um 96 Mio. Euro oder 7,3 % und das Ergebnis vor Steuern um 7% zurückgegangen.

Nach der im Vorjahr erfolgten Abgabe des klassischen Sprengmittel-Geschäfts
setzte die DNES im Jahr 2002 den Umbau des Geschäftsfeldes Sprengmittel fort. Das im Werk Stadeln angesiedelte Munitionsgeschäft fand zum 1. April 2002 eine neue Heimat bei dem Schweizer Unternehmen RUAG. Zum gleichen Zeitpunkt wurden die Anzündsysteme für die Fahrzeugsicherheit, wozu auch die in Troisdorf produzierten Gurtstraffer gehörten, mit 200 Mitarbeitern in die neu gegründete Dynamit Nobel AIS GmbH überführt. Mit Wirkung zum 1.Oktober 2002 erfolgte schließlich die Trennung von den in der Züfa produzierten Zünd- und Anzündmitteln, die mit 58 Mitarbeitern von einer Investorengruppe, darunter eine von leitenden Mitarbeitern gegründete Gesellschaft, übernommen wurde; Geschäftsführer der DynITEC GmbH in Troisdorf wurde Dr. Friedrich Heinemeyer.
Im gesamten Geschäftsjahr 2001/2002 ging der Konzernumsatz von Dynamit Nobel zwar um knapp 5 % auf 2.512 Mio. Euro zurück. Das um Sondereffekte bereinigte Ergebnis konnte jedoch um mehr als 3 % auf 252 Mio. Euro verbessert werden. Damit hatte sich die wertorientierte Strategie von Dynamit Nobel, sich auf ertragreiche und stark wachsende Zukunftsmärkte zu fokussieren, auch in der Konjunkturkrise dieses Geschäftsjahres bewährt.

Auf die Steuerpläne der damaligen Bundesregierung reagierte der MG-Konzern mit der Umstellung des Geschäftsjahres auf das Kalenderjahr und die Einlegung eines Rumpfgeschäftsjahres vom 1.Oktober bis 31.Dezember 2002.
Zum Jahresende 2002 schied „in gutem Einvernehmen“ Vorstandschef Jörg Deisel aus dem Unternehmen aus. Nachfolger wurde Jürg Oleas zusätzlich zu seinem Amt als für den Bereich Chemie im MG-Konzern verantwortliches Mitglied im MG-Vorstand.

Trotz der starken Stellung von Dynamit Nobel innerhalb der Metallgesellschaft tauchten 2003 Gerüchte über einen Verkauf der DNES auf. Sie wurden prompt dementiert. Der „Spiegel“ berichtete fast zeitgleich, dass MG-Chef Kajo Neukirchen die Metallgesellschaft zerschlagen wolle. Danach sollten die US-Private-Equity-Unternehmen Kohlberg, Kravis, Roberts (KKR) und Goldman Sachs die beiden profitablen Töchter Gea AG und Dynamit Nobel AG für 3,5 Milliarden Euro herauskaufen. Der MG-Aufsichtsrat lehnte diesen Plan jedoch ab. Nachdem MG-Chef Kajo Neunkirchen im Mai 2003 überraschend sein Amt niedergelegt hatte, wurde am 3. Juni 2003 Udo G. Stark zum neuen Vorsitzenden des Vorstands der mg technologies ag berufen.
In der Folgezeit wurde immer deutlicher, dass die mg eine Neuausrichtung anstrebte, entweder mit Dynamit Nobel als reiner Chemie-Konzern oder mit Gea und Lurgi als Anlagenbauer. In der „echo“-Ausgabe 3/2003 schüttete dann Jürg Oleas den „lieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern“ von Dynamit Nobel reinen Wein ein:

„Die Würfel sind gefallen! Vorstand und Aufsichtsrat der mg technologies ag haben sich nach gründlicher Bestandsaufnahme und Überprüfung der Strategie für die künftige Fokussierung der mg auf den Maschinen- und Anlagenbau und den Verkauf der Chemie-Sparte, also auch von Dynamit Nobel, entschieden.“


Im letzten, von großer Anspannung der Mitarbeiter geprägten Geschäftsjahr 2003 erwirtschaftete der Dynamit Nobel Konzern einen Umsatz von 2.353 Mio. Euro und ein Ergebnis vor Steuern von 197 Mio. Euro. Am 31. Dezember 2003 betrug der Personalstand 12.398 Mitarbeiter.

Anfang 2004 verhandelte die mg mit mehreren Interessenten über den Verkauf der zur Disposition gestellten Unternehmensbereiche. Den Zuschlag für die Dynamit Nobel AG - mit Ausnahme der Kunststoffe- erhielt das von KKR kontrollierte amerikanische Spezialchemieunternehmen Rockwood mit Sitz in Princeton, New Jersey/USA. Rockwood hatte zu dieser Zeit 2.500 Mitarbeiter und einen Jahresumsatz von 700 Mio. Euro. Die übernommenen Dynamit-Nobel-Bereiche erzielten damals einen Jahresumsatz von 1,5 Mrd. Euro. Das Geschäftsfeld Kunststoffe (Dynamit Nobel Kunststoff GmbH) wurde an einen US-amerikanischen Automobilzulieferer verkauft. Die Dynamit Nobel AG als Holding in Troisdorf wurde aufgelöst; das Verwaltungsgebäude wurde bis Ende 2005 nach und nach geräumt. Rockwood beorderte eine kleine Gruppe von leitenden Mitarbeitern zur Betreuung ihrer neuen deutschen Aktivitäten nach Frankfurt/Main. In Troisdorf verblieben eine kleine Mannschaft, hauptsächlich zur Verwaltung der Liegenschaften, sowie die Pensionskasse. Mit den Erlösen aus dem Deal von insgesamt 2,68 Mrd. Euro baute die mg ihre Schulden ab.

Damit war der Niedergang des Troisdorfer Traditionsunternehmen, das einmal in allen Werken am Standort Troisdorf über 20.000 Menschen beschäftigt hatte, endgültig besiegelt! Der Dynamit Nobel Konzern war letztlich ein Opfer des Sanierungskonzepts des überschuldeten Mutterunternehmens, der Metallgesellschaft in Frankfurt, geworden! Das „Aus“ von Dynamit Nobel traf nicht nur als Steuerzahler die Stadtverwaltung, sondern auch viele ungezählte Bürger der Stadt Troisdorf und der Nachbargemeinden, die über Jahrzehnte enge Bande mit dem Unternehmen unterhalten hatten.

In der Züfa Troisdorf behielten bei der Orica AG 280 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz in der Zünderfertigung. Die Troisdorfer Mitarbeiter der Orica AG erhielten von der Unternehmensleitung jeder ein Päckchen mit jeweils einer Nachbildung eines Bumerangs und eines Kängeruhs. Jan Petzold, Geschäftsführer der Orica Germany, sagte außerdem zu, dass man die Produktion von Zündern in Troisdorf auf 60 bis 80 Millionen Stück pro Jahr vervierfachen wolle und den Europasitz des Unternehmens von Manchester nach Troisdorf verlegen wolle. Die von ehemaligen Mitarbeitern und anderen Unternehmern aus der DNES heraus gekauften Firmen Dynaform GmbH, DYNAenergetics GmbH und DynITEC GmbH beschäftigten in Troisdorf zusammen rd. 200 Mitarbeiter.

Am 6. Juli 2006 deutete sich das Produktionsende der Orica in Troisdorf an. Die „Kölnische Rundschau“ zitierte den Geschäftsführer der Orica Deutschland, Helmut Stauber, wie folgt: „Wirtschaftlich nicht vertretbar sei die Fortführung beider Produktionsstandorte, nachdem die Orica das schwedische Unternehmen Dyno Nobel ASA mit ihrem Produktionsstandort im schwedischen Gyttorp erworben hatte“. Die Produktion sollte komplett nach Schweden verlagert werden, weil dort der Schwerpunkt in der Produktion umweltfreundlicher nicht-elektrischer Zünder bereits liege. „Hier vernichtet man Arbeitsplätze aus Profitgier“, so der Betriebsratsvorsitzende Friedrich Beilenhoff. Es war geplant, die Zünderfertigung zum Ende des Jahres 2008 auslaufen zu lassen, wie es auch tatsächlich zum 20. Dezember 2008 geschah. 230 Mitarbeiter verloren endgültig ihren Arbeitsplatz. Die Zentrale der europäischen Orica-Verwaltung in Troisdorf wollte 50 Mitarbeiter weiter beschäftigen.


(Bearbeitet: Dr. Volker Hofmann und Dipl.Kfm. Ulrich Hopmann, 22. Januar 2009, Quellen: Karlheinz Ossendorf, „Züfa verliert ihren Namen“ in Troisdorfer Jahreshefte 2008, S. 32 bis 51, Dieter Krantz, „Orica streicht 230 Stellen in Troisdorf“, in Kölnische Rundschau vom 06.07.2006)