100 Jahre Züfa in Troisdorf, Von der Sprengkapsel zum modernen Sprengzünder

Artikel von Karlheinz Ossendorf in der Werkzeitschrift „Dynamit Nobel“, 5+6/1986

Es gab eine ganze Fülle von Gründen, die Zünderfabrik in den Troisdorfer Sand zu setzen. Da war einmal der wohlfeile, karge, in großer Menge vorhanden Boden, da waren –für die damaligen Verhältnisse- sehr guten Verkehrsverbindungen (Bahn und Fernverkehrsstraßen), da lagen die ersten Wohnhäuser in geziemender Entfernung, und da gab es eine Kommunalverwaltung, die einem Wachstum auf industrieller Basis nicht abweisend gegenüberstand. Schließlich gab es da einen findigen Troisdorfer, der die engen Scheuklappen kleinstbäuerlichen Denkens abgestreift hatte und mit beiden Beinen in die Welt der Finanz- und Industriemanager gesprungen war. Die Rede ist von Wilhelm Englaender, der als Justitiar beim renommierten Kölner Bankhaus Salomon Oppenheimer Generaldirektor Emil Müller die Standortvorteile in Troisdorf schmackhaft zu machen wußte. Müller, schon erfolgreicher Fabrikbesitzer, hatte erkannt, daß es genügend Dynamit produzierende Betriebe in Deutschland gab, daß es aber an der industriellen Fertigung von Initialzündern mangelte und daß ohne solche Sprengkapseln Dynamit nicht seine explosionsartige Entwicklung nehmen konnte. Der scharfblickende Moselaner und Wunschkölner sah die Marktlücke und handelte.

Nach dem einmal gefaßten Beschluß ging es Schlag auf Schlag. Mit der Gründung der Zündhütchenfabrik am 1. November 1886 gingen Grunderwerb und Aufbau Hand in Hand.

Müller erwarb billiges Heideland und ließ die ersten 30 Bauten seiner Züfa weitab vom Verkehrsstrom der Frankfurter Chaussee und jeder menschlicher Besiedlung in den Sand setzen.


Die Idee Müllers erwies sich als richtig, das Unternehmen florierte. Erweiterungen waren notwendig, zum vorhandenen Areal mußte weiteres erworben werden. Statt der Nobelschen Holzhülse ließ Emil Müller in Troisdorf Kupferhülsen mit Knallquecksilber und Kaliumchlorat füllen. Schon die ersten dieser Sprengkapseln, die 1997 das Troisdorfer Werksgelände verließen, machten Furore.

Und doch zeigte sich bald, daß auch ein gutes Produkt verbesserungsfähig war. Teile des Knallquecksilbers wurden durch Pikrinsäure, Trotyl und Tetryl ersetzt. Als es 1909 in Troisdorf gelang, erstmals in der Welt, Bleiazid großtechnisch herzustellen, hatte zugleich die Geburtsstunde

Der zweiten Zündergeneration geschlagen.

Dem Boom im Ersten Weltkrieg mit all seinen fragwürdigen Nebenerscheinungen folgte 1918 der Abbruch bestimmter Betriebseinrichtungen und damit ein radikaler Einschnitt in eine bis dahin kontinuierliche Entwicklung. Man behalf sich mit „betriebsfremden Produktionen“ und konnte so die Belegschaft halten. Gerade in dieser Krisenzeit -wie auch in späteren- zeigte sich deutlich, wie stark der Zusammenhalt im Werkgefüge war. Als in beschränktem Umfang wieder Sprengkapseln produziert werden konnten, brachte die Züfa die Briska-Sprengkapsel auf den Markt, der 1924 der „Gaslose elektrische Kurzzeitzünder“ und der „Zündschnurlose elektrische Zeitzünder“ folgten, die eine Revolution in der gesamten Sprengtechnik auslösten.

Dank des hohen Qualitätsstandards überstand die Züfa die allgemeine Wirtschaftsflaute der Mittzwanziger gut. Als die Inlandsnachfrage stark nachließ, konnte der Export forciert werden. So blieb die Züfa ein sehr kräftiges Bein, auf dem die 1931 fusionierte RWS und Dynamit AG stets festen Halt fanden. Die Probleme des Zweiten Weltkriegs wurden ebenso gemeistert wie die des ersten Weltenbrandes, bis am 28. und 29. Dezember das Unternehmen durch einen Großangriff auf Troisdorf entscheidend getroffen wurde. Zwar blieben die so meisterhaft getarnten, weithin gestreuten und durch Wälle gesicherten Züfa-Anlagen im Verhältnis zur abgeworfenen Bombenlast relativ verschont, aber die Produktion war doch empfindlich getroffen, zumal es weitere Angriffe und bald auch Artilleriefeuer gab.

Am 11. April zogen die Amerikaner in Troisdorf ein. Im Werk herrschte Stille. Plünderer fanden offene Tore. Aber schon Mitte Mai gab eine US-Kommission die Erlaubnis zur Instandsetzung wichtiger Fabrikationsräume. Zwar waren 60 Prozent der oberirdischen Züfa-Anlagen zerstört, aber da fand sich viel, mit dem sich wieder anfangen, was sich wiederverwenden ließ. In mühseliger Kleinarbeit und mit viel Improvisationstalent wurde repariert und eine kleine Fertigung aufgebaut. Nebenbei versuchte man, durch Eigenanbau auf dem Werksgelände die schmale Lebensmittelbasis etwas zu verbreitern. Als schließlich die Produktion von Viehbetäubungspatronen genehmigt wurde, keimte Hoffnung auf, daß man bald verstärkt von der Reparatur zur Produktion übergehen konnte. In der Tat durften ab Mitte 1945 auch wieder Sprengkapseln gefertigt werden. Sie wurden im Bergbau benötigt, um im vermehrten Maße die so dringend benötigte Kohle fördern zu können.

 

Dank der sofort wieder angekurbelten Forschung gelang es 1950, den Millisekundenzünder herauszubringen, der eine neuerliche bedeutende Umstellung auf dem Gebiet der Sprengtechnik zur Folge hatte. 1953 folgte der schlagwetterfeste Millisekundenzünder. Parallel mit der Entwicklung dieser modernen Initialzünder ging die Verbesserung der Anlagen. Nach anfänglich tastenden Versuchen konnten weitere Produktionszweige automatisiert werden.“

Bearbeitet: Dr. Volker Hofmann, Troisdorf, 3. August 2014

 

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