Phenol-Formaldehyd-Harze aus Troisdorf

Ab 4. März 1905 wurde unter Generaldirektor Emil Müller in Troisdorf Nitrocellulose auch zur Herstellung von Celluloid verwendet („Beginn der Kunststoffproduktion in Troisdorf“). Celluloid-Platten wurden im Koch-Press-Verfahren in Blöcken hergestellt, die zersägt und oberflächenbehandelt wurden. Unter der F&E-Leitung des Cellulosechemikers Dr. Gustav Leysieffer wurde die Weiterentwicklung von Kunststoffen in Troisdorf vorangetrieben. 1911 erwarb man von dem damaligen Bayer-Chemiker Arthur Eichengrün eine Fertigungslizenz für schwer-entflammbare CELLON-Platten und Formmassen, die ähnlich Celluloid hergestellt bzw. weiterverarbeitet wurden. Mit dem Gießharz TROLON begann 1924 die Produktion von PF-Harzen in Troisdorf. Es wurde im eigenen Haus in der Knopffabrik für die Produktion von Knöpfen und Schnallen und bei den externen Kunden zur Herstellung von Bijouterien, Füllfederhalter-Gehäusen, Zigarrenspitzen und Schnitzereien (ähnliche Verwendung wie ähnlich-gefärbter Bernstein) genutzt.

Das benötigte Phenol wurde vor dem 2. Weltkrieg versuchsweise in Troisdorf durch Sulfonierung und anschließende Hydrolyse von Phenol hergestellt (gefundene und 1995 beseitigte Altlasten im Boden südlich der Bahnlinie -im ehemaligen Nasseuer Teich- zeugten davon).

Mit TROLITAN begann 1925 die Produktion von Formmassen aber auch von Halbzeugen wie Platten, Stäbe und Rohre und auch von Pressteilen wie z.B. Radiogehäuse mit der 600-t-Presse, später auch mit einer 5000 t- Presse. 

1920 wurden TROLIT F- Spritzgussmassen (Celluloid + WM +Füllstoffe), 1923 TROLIT W (Acetylcellulose) entwickelt. Es folgten Halbzeuge wie 1936 TROKLIT (Papierbahn-PF-Schichtpreßplatten),  1936 DYNAL-Pressteile  (Papierbahnen-PF-Teile für den Karosseriebau, Dach für DKW F8 z.B.), ab 1937 TROLITAX-Schichtstoffe (Papierbahnen-PF-Preßplatten), LIGNOFOL-Press-Schichtholz-Halbzeuge (PF-Harz-gebundene verpresste Holzfurniere). Als Kunststoff-Rohstoffe wurden 1929 TROLITUL-Spritzgussmassen (Polystyrol), 1931 die erstmalig weiß und bunt einstellbaren POLLOPAS-UF-Formmassen (Harnstoff-Formaldehyd-Harz + Füllstoffe) und 1938 ULTRAPAS-Formmassen (Melamin-Formaldehyd-Harz + Füllstoffe, lebensmittelverträglich) entwickelt und industriell hergestellt.

[Celluloid wurde bis 1971 in Troisdorf produziert, die PF-Harze wie auch Pollopas- und Ultrapas-Formmassen bis 1993, Trolitax-Halbzeuge bis 1995.]

Wie sah um 1924/1925 die Patentsituation für PF-Harze in Deutschland aus? 

Wir erinnern uns: Der belgisch/amerikanische Chemiker Leo Hendrik Baekeland hatte am 31. Januar 1908 beim kaiserlichen Patentamt in Berlin seinen Schriftsatz „Verfahren zur Herstellung von Kondensationsprodukten aus Phenolen und Formaldehyd“ zum Patent eingereicht, das ihm am 20. April 1911 rückwirkend erteilt wurde (in USA bereits ab 1907 patentiert). 

Bei den Rütgerswerken in Erkner bei Berlin begann 1909 (unter der Mitarbeit des Chemikers Dr. Max Weger) die Produktion von PF-Harzen unter dem Namen Bakelit (in Anlehnung an seinen Namen, ähnlich wie später für Pollopas in Troisdorf nach dem Erfinder F. Pollack) nach seinem Patent.   

Nach §7 des deutschen Patentgesetzes vom 7.4.1891 betrug damals die Patentdauer 15 Jahre*); somit war ab dem 1. Februar 1923 patentrechtlich für jedermann der Weg frei zur Herstellung von PF-Harzen -auch für die Rheinisch-Westfälische Sprengstoff AG in Troisdorf (ab 1925 Dynamit AG).

Wegen der Bedeutsamkeit des sogenannten „Druck-Hitze-Patents“ für PF-Harze von Baekeland wird es im Folgenden wiedergegeben:

WM = Weichmacher wie Campher z.B.

*)Anmerkung: Ab 1936 betrug die Patentdauer in Deutschland 18 Jahre; heute sind es 20 Jahre.

 

Weiterführende Literatur:

*Volker Hofmann, www.kunststoff-museum.de --> Geschichte:

Anmerkungen zur Troisdorfer Kunststoffgeschichte, 1905-2013“ und

Alfred Nobel, Teil II, 1900-1945“ und

--> Bibliothek: „TROLON, Edelkunststoff, 1937“, „Pressharz TROLITAN“,

Kunststoffproduktliste der Dynamit Nobel AG, 1905–1982“

*Dietrich Braun, „Kleine Geschichte der Kunststoffe“, Hanser Verlag,

2013,

*www.wikipedia.org/wiki/Leo_Hendrik_Baekeland und /wiki/Arthur_

Eichengrün

*www.chemieforum-erkner.de,

*www.wikipedia.org/wiki/Phenoplast und /wiki/Pollopas

*Gustav Leysieffer, „Beiträge zur Kenntnis der Beziehungen zwischen

Viskosität und Nitrierprozess von Cellulosen“, Steinkopff Verlag, 1938,

und „Richtige und falsche Verwendung von Kunststoffen“, Lehmanns

Verlag, 1938.

 

 

Bearbeitet: Dr. Volker Hofmann, Troisdorf, 30. Januar 2014

 

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