Das Troisdorfer Celluloid-Entwicklungsbüro, 1929

In der Schriftenreihe des Archivs der Stadt Troisdorf, Nr. 23, vom Dezember 2008 berichtete der Stadtarchivar Matthias Dederichs unter dem Titel „100 Jahre Kunststoffe aus Troisdorf“ wie folgt:

„Zum Wieder-und Neubeginn (nach dem 1. Weltkrieg) fand ich in den RWS-Mitteilungen Nr.9. aus dem Jahre 1929, S. 181/182, eine Darstellung von M. Gebhardt über das Celluloid-Entwicklungsbüro, die ich hier abdrucke:

Das Hauptanwendungsgebiet unserer Kunststoffe, welche eine immer fortschreitende  Veredelung erfahren haben, liegt zur Zeit in der Elektrotechnik und Radioindustrie verankert. Für diese beiden hauptgebiete sind durch den verband Deutscher Elektrotechniker, den V.D.E, genaue Richtlinien und Vorschriften über die physikalischen und elektrotechnischen Eigenschaften dieser Stoffe gegeben. Bis vor kurzem wurde für elektronische Artikel hauptsächlich das Kaltpressmaterial GUMMON verwendet, welches sich bei der verlangten Hitzebeständigkeit auch durch Billigkeit auszeichnete.

Bei besseren Instrumenten und Apparaturen hat sich seines besseren Aussehens wegen das Warmpressmaterial TROLIT-SPEZIAL eingebürgert. In der Radioindustrie ist dieser letztgenannte Werkstoff zu einem Idealstoff geworden, welcher über hervorragende elektrotechnische und mechanische Eigenschaften verfügt und außerdem gestattet, in shr dünnen Wandstärken zu konstruieren, so dass durch Gewichtsersparnis der Artikelpreis sehr beeinflusst werden kann.

Es ist bekannt, dass die Artikel der Elektrotechnik und speziell der Radioindustrie einer sehr starken Konjunktur unterworfen sind und für uns immer eine Saisonbeschäftigung bedeuten, was natürlich zur Folge hat, dass unsere Betriebe, vor allem das Presswerk und der fertigartikelbetrieb, durch diese Umstände zeitweise nicht vollauf ausgenutzt sind.

Es ist dem im Januar vorigen Jahres (1928) eingerichteten Entwicklungsbüro zur Aufgabe gestellt, das Beschäftigungsniveau unserer Betriebe auf eine gleichmäßige Basis zu stellen, was uns vor allem eine rationelle Ausnutzung unserer Fabrikationsanlagen gestattet und einen gleichbleibenden eingeschulten Arbeiterstand erhält.

Das Entwicklungsbüro beschäftigt sich speziell mit der Erfassung neuer Anwendungsgebiete für unsere mannigfachen Kunststoffe. Es ist ihm die Möglichkeit gegeben, durch Gegenvorschläge und Beratung in direkte Fühlungsnahme mit den Interessenten zu treten und somit Beanspruchungen der einzelnen Artikel in der Praxis zu studieren und Nutzen daraus zu ziehen. Durch seine Tätigkeit sollen die einzelnen produktiven Betriebe entlastet werden. In dieser Eigenschaft steht es der Verkaufsabteilung als technischer und fachmännischer Mitarbeiter zur Verfügung. 

(Anmerkung des Bearbeiters: Später hießen solche Beraterabteilungen bei der I.-G. Farbenindustrie AWETA = Anwendungstechnische Abteilung.)

Unsere verschiedenen Werkstoffe TROLIT, TROLIT-SPEZIAL, TROLON, TROLITAX und TROLITAN lassen sich an Stelle von Holz, Metall, Porzellan usw. immer da anwenden, wo es sich um große Stückzahlen handelt, wobei sich die betreffenden Artikel in den meisten Fällen durch Pressen billiger und rationeller herstellen lassen.

Außerdem wird bei diesem Fabrikationsprozess eine tadellose, hochglanzpolierte oder gemusterte Oberfläche erzielt und die Teile mit einer genauen Präzision gepresst, was bei bisheriger Ausführung aus anderen Werkstoffen erst durch langwierige Bearbeitung und Nachbehandlung von nie so großer Haltbarkeit erreicht werden kann. Ferner lässt sich mit unseren Stoffen auch eine sehr reichhaltige Farbenauswahl treffen, die den Naturprodukten im Aussehen sehr gleichkommen. In der chemischen Industrie kommen solche teile in Frage, welche der Korrosion ausgesetzt sind, da verschiedene Troisdorfer Werkstoffe in ihrer heutigen Beschaffenheit gegen Säuren und Alkalien sowie gegen Witterungseinflüsse sehr beständig sind. In der textil- und Kunstseidenindustrie sind es Konstruktionsteile an Spinnmaschinen und Spulen aller Art für die Spinnerei und Zwirnerei, welche wir zum teil schon durch unsere Kunststoffe mit sehr gutem Erfolg ersetzt haben. Es steht jedoch gerade in dieser Branche noch ein weites Absatzgebiet für unsere Werkstoffe in Aussicht.

In der Lebensmittel- und Genussmittelindustrie haben unsere Werkstoffe Eingang gefunden, da die daraus hergestellten Artikel absolut hygienisch sind, sich abspülen und abwischen lassen, nicht splittern, nicht oxydieren und nicht so leicht zerbrechen wie Porzellan oder Steingut. Es lassen sich aus unseren Werkstoffen herstellen: Servierbretter, Tabletts, Brot- und Besteckkörbchen, Ess-Service und Schalen aller Art, griffe für Tuschbestecke und Küchenmesser, Waagegehäuse, Waageteller, Fleischmaschinenschalen und dergleichen mehr.

In der Automobilindustrie kommen Akkumulatorenkästen und Lenkräder aus besonderen Stoffen zur Verwendung. Für die Hochspannungselektrotechnik hat sich unser Werkstoff TROLON als ganz besonders hochwertiges Material für die Verwendung von Hochspannungsisolatoren, Stützer bis zu 220kV und 2 ½ m Länge usw. entwickelt. Für die Nähmaschineindustrie können Nähmaschinekästen aus TROLIT-SPEZIAL hergestellt werden. Die Gehäuse für Registrierkasse, welche vorerst noch aus Blech gestanzt und nachträglich lackiert werden, können ebenfalls aus TROLIT-SPEZIAL gepresst werden. Die Übereinstimmung der Farbe und Maserung eines gepressten Nähmaschinenkastens  mit dem Nähmaschinentisch sowie eines Registrierkassengehäuses mit dem Untergestell lässt sich heute durch ein besonderes Verfahren erzielen.

In der Beleuchtungsindustrie finden unsere Kunststoffe für Lampenschalen, Zugglocken, Armaturen, Füße usw. Anwendung, da unsere Kunststoffe auch in transparenten und durchscheinenden Qualitäten hergestellt werden und in der Lichtreklame für Lichteffekte verwendet werden können. Ganz neue Anwendungsgebiete haben sich unserem TROLITAX-Material durch die Verwendung als Verschalung an Möbeln, Türrahmen, Türfüllungen, Tischen, Wandbekleidungen und Vertäfelungen etc. eröffnet, da dieser Werkstoff in Platten mit einen absolut naturgetreuen Holzmusteraussehen hergestellt wird.

Bearbeitet: Dr. Volker Hofmann, Troisdorf, 2. Mai 2014

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